»Grauenvoll!« murmelte sie in sich hinein.

»Jawohl, – grauenvoll!« sprach Joachim nach. »Das ist das rechte Wort. Habe ich nicht im Sinn des Toten gehandelt, wenn ich ihr diese Gedanken auszureden, sie zu trösten und zu beruhigen versuchte? Denn das habe ich getan.«

Paula nickte stumm.

»Zwei Monate später erfuhr ich, daß sie gestorben wäre,« sagte Joachim. »Sie hat den Sohn nicht einmal ein Jahr überlebt.«

»Sie ruhe in Frieden,« sprach Paula mit leiser Stimme. »Damals – vor zehn Jahren – hegte ich andere, wildere Gedanken. Heute wiederhole ich die Worte, die Sie einstens zu mir gesprochen: Gott vergebe ihr; sie wußte nicht, was sie tat.«

Eine Zeitlang verharrten sie in Stillschweigen.

»Cäsar,« bemerkte der Priester endlich, »hat seinen Herrn nicht vergessen können. Ich habe mir alle Mühe gegeben, ihn an mich zu gewöhnen und habe ihn, da er krank war, Tag und Nacht gepflegt; aber er starb ab, wie eine Lampe erlischt, deren Brennstoff verbraucht ist. Ein paar Monate nach Georgs Tode war auch sein Hund tot.«

»Und die anderen ... Hartecks Feinde ... leben wohl alle noch?« fragte Paula mit bitterem Lächeln. »Wahrscheinlich geht es ihnen auch vortrefflich.«

»Nicht die Menschen waren seine schlimmsten Feinde,« entgegnete Joachim. »Er ist an einem verfehlten Leben zugrunde gegangen. Nichts mehr davon. – Seine Widersacher leben alle noch und leben ganz vergnügt.«

Paula versank in Nachdenken. Die Menschen hatten Georg vergessen und sich getröstet darüber, daß er tot; alle waren ihren Weg gegangen, hatten das Glück oder doch ein Ziel gefunden: sie nicht. Die Lücke, die sein Tod gerissen, war geblieben. Sie hatte keinen Ersatz gesucht, hatte den Gedanken, noch einmal zu lieben, mit Hohn von sich gewiesen. Glücklich sein, sich freuen, während er in seinem Grabe moderte, ... nein! O nein! Sie war ihm treu geblieben und die Jugendzeit war verronnen. Was lag daran? Nicht allen ist beschieden, das Glück zu finden, und die Trauer um einen geliebten Toten ist ja auch ein Schatten von Glück.