»Sie wollen schon fort?« fragte sie den Priester. Dieser hatte sich erhoben.
»Ich muß,« sagte er. »Grüßen Sie die Ihren von mir und leben Sie wohl.«
Paula stand auf und gab ihm die Hand.
»Zum Schlusse noch eine Frage,« sagte Joachim und behielt ihre Hand in der seinen. »Wie leben Sie ...? Davon haben Sie mir noch kein Wort gesagt.«
Mit ruhigem Ernste sah sie ihm in die Augen.
»Wie soll ich leben? Sehr still und friedlich ... Toni ist meine größte Freude. Sie hat gehalten, was sie als Kind versprochen und ist ein blühend schönes, reich begabtes Geschöpf geworden. Vielleicht, daß sie ein wenig zu ehrgeizig, zu hochstrebend ist, ... ich aber liebe sie so wie sie ist und möchte sie nicht anders haben. – Über mich selbst,« fügte sie nach augenblicklicher Stille hinzu, »denke ich wenig nach. Ich bin alt geworden. Wenn ich Vater und Toni glücklich sehe, bleibt mir nichts zu wünschen übrig.«
Ein Seufzer der Beruhigung hob seine Brust. Er hatte die Empfindung, als stünde eine nach schwerer, langer Krankheit Genesene vor ihm. Der wildtobende, verheerende Schmerz hatte diese edle Natur wohl erschüttern, nicht aber zerstören können.
Mit einem Händedruck nahm er Abschied von ihr und ging, – ging hinaus ins volle Leben und sie blieb zurück in ihrer eng begrenzten Welt und schaute ihm nach mit ernstem, ergebenem Blick.
Sie wollte den Ihren nichts sagen von dieser Begegnung. Sie möchten fürchten, daß dies Wiedersehen sie erregt haben könnte, und diese Sorge sollte ihnen erspart bleiben. Sie dachten ja immer an sie, der Vater und Toni. Wie geduldig war der Vater stets gewesen! Jahrelang hatte er gewartet, – immer gleich mild und liebevoll, bis sie endlich ruhiger geworden war. Er und Toni hatten sich bemüht, ihr zu ersetzen, was sie verloren, hatten sie ihrer stillen Traurigkeit halber niemals getadelt, hatten jedes heitere Wort, jedes Lächeln von ihr mit heller Freude begrüßt. Wie eine Schwerkranke hatten sie sie behandelt, ... der Vater, der Vater besonders. In ihrem Hause wurde sie geliebt mit treuer, niemals wankender Zärtlichkeit, ... das tat so wohl und warf einen Sonnenstrahl auf das Grab ihrer armen, einzigen Liebe.
Mit leisem Schritt trat sie vor das Bild der Mutter hin, kniete nieder davor und betete lange. Tränen rollten dabei über ihre Wangen, aber es waren sanfte, erlösende Tränen. Sie konnte wieder beten, sie haderte nicht mehr: es war ihr viel genommen, doch auch viel gegeben, viel gelassen worden. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Obschon Paula wußte, daß sie jenen Toten lieben würde, solang ein Herzschlag in ihr, fühlte sie doch auch, daß sie endlich ruhig geworden war. Mit Georg Harteck war alles geschieden, was wie ein dunkler Fleck an ihrer reinen Seele gehaftet hatte. Mit fast sündiger Leidenschaft hatte sie an dem Manne gehangen, hatte, ihm zuliebe, geschwankt zwischen Recht und Unrecht, ja, sie wäre, ihm zuliebe, besinnungslos abgewichen vom Weg der Pflicht gegen sich selbst und gegen teure Menschen, – der Tod hatte dem traurigen Kampf ein Ende gesetzt. Sie war sich heute bewußt, daß es so hatte kommen müssen, um sie sich selbst zu retten; trotz dem Schiffbruch, den ihre einzige Liebe erlitten, war ihr unsäglich viel geblieben: die Selbstachtung, ein Herd und zwei ihr mit echter Liebe ergebene Menschen. Das war viel, mehr vielleicht, als sie verdiente, – mehr, als es braucht, um mit dem Leben fertig zu werden.