»Mag sein. Darüber haben weder Sie noch ich zu entscheiden. Unsere Pflicht ist, uns den Wünschen des Herrn Dekans zu unterwerfen. Wenn wir es nicht tun, werden die Folgen davon auf unser eigenes Haupt zurückfallen.«
»Soll man denn keine freie Bewegung machen dürfen?« dachte Harteck, als der Mönch ihn verlassen hatte. »Die harmloseste selbst wird einem verleidet. Mögen sie in Gottes Namen ihren Willen haben! Wenn jede kleine Annehmlichkeit durch schwere Opfer erkauft werden muß, ist es wohl besser, allem im voraus zu entsagen.«
Er handelte diesem Vorsatz gemäß, ging allen Leuten aus dem Wege und sprach mit beinahe niemandem als mit dem mürrischen Dekan, dem ihm ungnädig gesinnten Fräulein Aurelie und dem wortkargen Mönch und hoffte, daß diese Personen nunmehr zufrieden mit ihm sein würden. Seine einzige liebe Gesellschaft war sein Hund, der sich, trotz allem Schmeicheln und Zureden, nicht mit Fräulein Aurelie befreunden wollte; das Fräulein bestrafte den Hund dafür mit stiller Verachtung und gänzlichem Ignorieren seiner Persönlichkeit, – eine Strafe, aus der sich Cäsar freilich nichts machte.
Fünftes Kapitel
In der Nähe des Hauptplatzes stand das Wohnhaus des Arztes. Efeu rankte sich an den Mauern empor und umschlang mit grünen Armen den zierlich geschnitzten Balkon, der die Aussicht nach dem Garten hatte. Auf dem Balkon stand Toni und blickte nachdenklich zum Himmel empor. Seit mehreren Tagen regnete es ununterbrochen. Die Bäume ließen die Zweige hängen, Herbstesahnen zog durch die erkaltete Luft. Lang sah die Kleine dem eintönigen Fallen der Regentropfen zu und erst, als sie drinnen im Hause ihren Namen rufen hörte, fuhr sie aus ihrem Sinnen auf und sprang in das Haus hinein.
»Willst Du etwas, Paula?« fragte sie. »Wo steckst Du denn?«
»Hier, in meinem Zimmer. Vater ist gekommen. Geh' ihm entgegen, Toni.«
Die Kleine lief die Treppe hinab, dem Haustor zu. Im Flur stand ein großer, hagerer Mann von ungefähr sechzig Jahren. Er trug hohe Wasserstiefel und einen Regenmantel und hielt einen Regenschirm, von dem das Wasser herabrann, in der Hand.
»Bist naß geworden, Vater?« fragte Toni auf ihn zufliegend.
»Nur äußerlich. Der Mantel ist wasserdicht. Guten Abend, Kind. Ist etwas vorgefallen?«