»Sogleich. Wir haben nur auf Dich gewartet.«

Sie erhob sich, um nach der Küche zu gehen. Der Tisch war bereits gedeckt und die Hängelampe über demselben angezündet. Nach wenigen Minuten erschienen Paula und die Magd und trugen das Abendbrot auf.

Während des Essens sprachen sie von den kleinen Tagesereignissen. Toni mußte berichten, was sie gearbeitet und in der Schule gelernt hätte, denn der Arzt war den ganzen Tag über vom Hause fort gewesen. Die Kleine zeigte sich sehr mitteilsam. Sie wäre gelobt worden, vom Lehrer und vom Herrn Katecheten; dieser hätte ihr sogar ein Heiligenbildchen geschenkt. Sollte sie es dem Vater zeigen? Er bejahte die Frage, und Toni sprang davon und brachte das kleine Bild. Es stellte ein Kind dar, das über einen schmalen Weg schreitet und über dem sein Schutzengel schwebt.

»Sehr schön!« sagte der Arzt. Dann erzählte er, bei wem er gewesen, wie es mit den Kranken stände, die er gesehen hatte, und Paula warf manchmal eine Frage dazwischen, die verriet, daß sie mit allem, was in den Beruf des Vaters einschlug, wohl vertraut war.

Nach dem Essen ging der Arzt wieder fort, und als er nach Ablauf einer halben Stunde zurückkehrte, hatte Paula die kleine Schwester mittlerweile zu Bett gebracht. Toni schlief noch nicht; sie wartete die Rückkunft des Vaters ab, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Als das geschehen war, sprach sie ihr Nachtgebet und sank dann sehr bald in den glücklichen Kindesschlaf.

Vater und Tochter saßen nun allein beisammen im Wohnzimmer.

Sie hielten es jeden Abend so, seit die Mutter tot; sprachen miteinander, oder er las und sie arbeitete; manchmal sagte er von seinem Buche aufblickend: »Singe etwas,« und dann erhob sie sich, holte ihre Zither und sang ihm mehrere Lieder vor.

Heute fühlte er sich zu ermüdet, um zu sprechen. Er saß am Tische und hatte ein Buch vor sich liegen; Paula saß ihm gegenüber und besserte Wäsche aus. Dann und wann erhob sie den Blick zum Vater, wie um zu erforschen, ob er vielleicht etwas brauche; doch da sie ihn eifrig lesen sah, beugte sie sich wieder über ihre Arbeit.

Sie war ein schönes Mädchen; nicht gerade blendend, nicht ins Auge fallend, wohl aber schön für denjenigen, der geistige Schönheit zu verstehen imstande ist. Ihr dunkles reiches Haar war in Zöpfen um das Haupt gewunden und legte sich in natürlichen Wellen um die blasse Stirn. Sie hielt den Kopf nach vorne gesenkt und diese Stellung zeigte, wie fein geformt ihr schlanker Hals war und wie anmutig die kleinen Locken im Nacken an der weißen Haut spielten. Ihr Gesicht war blaß, die Wangen sanft gerundet und die etwas kurze Oberlippe schloß sich selten ganz über den kleinen weißen Zähnen. Das Schönste in ihrem Gesichte waren die Augen; groß und tiefgrau waren diese langbewimperten Augen und hatten einen ernsten, sinnenden Blick. Den mädchenhaften Körper umschloß ein einfaches schwarzes Wollenkleid, die kleinen Ohren und schlanken Hände entbehrten jedes Schmuckes. Im Haar hatte Paula eine gelbe Rose stecken.

»Paula,« sagte ihr Vater plötzlich.