Sie blickte horchend auf.

»Wann wirst Du wieder einmal in der Kirche singen? Die Leute sprechen schon davon.«

»Die Leute sprechen immer. Sagten sie doch vor einiger Zeit, daß ich bloß deshalb so oft singe, weil ich auf dem Chor den Lehrer treffe. Sie sollen ihren Irrtum einsehen lernen.«

»Also wegen der Leute –?«

»Nein, Vater. Nicht deshalb. Aber ich will Herrn Stettner aus dem Wege gehen.«

»Belästigt er Dich in irgendeiner Weise?«

»Er sieht mich immerfort an und das ist mir unangenehm.«

»Überwinde Dich einmal und singe nächsten Sonntag, – mir zu Gefallen. Ich will nicht, daß man glaube, wir hätten die Absicht den Dekan zu beleidigen.«

»Gut, Vater. Ich will es tun.«

Er las darauf noch eine kurze Weile und zog sich dann in sein Schlafzimmer zurück. Paula hatte noch keinen Schlaf. Sie trat ans Fenster und blickte hinauf zum dunklen, sternenlosen Himmel, – nicht träumerisch oder sehnsuchtsvoll, sondern ruhig, wie Menschen tun, in deren Herzen der Friede wohnt. Sie dachte an allerlei, aber ihre Gedanken gingen nicht über das kleine Haus hinaus; alle ihre Wünsche, ihre Liebe und Hoffnungen lagen hier, in ihrem Heim. Ihr Auge glitt über die Möbel, die in dem Zimmer standen; wie waren alle ihr lieb und vertraut! Als Kind schon hatte sie diese Möbel gekannt, und während sie altmodisch wurden und ihre Farben verblaßten, war Paula groß geworden. Ein jedes dieser Einrichtungsstücke sprach ihr von den Kindertagen, der ersten Jugendzeit und der Mutter, für die diese Möbel gekauft worden waren, als sie als junge Frau in das Haus des Gatten zog. Auf diesem Divan hatte die Mutter oft geruht, da sie schon krank, und dort hatte der Vater Paula eines Tages niedersetzen heißen, hatte sich an ihre Seite gesetzt und sie stumm ans Herz gezogen. Er hatte dabei so schwer geatmet, so schwer, ... und da hatte Paula plötzlich gewußt, daß die Mutter verloren war, daß sie bald sterben mußte. Und: »Vater!« hatte sie mit halb erstarrter Zunge gestammelt und noch einmal: »Vater!« und hatte in seinen Rock gebissen, um nicht aufzuschreien, denn sie wußte, das die Kranke im Nebenzimmer war. Der Arzt hatte die Tochter in seine Arme genommen und zusammen waren sie hinaus ins Freie gegangen. An seinem Arm hängend, vom Vater unterstützt, hatte sie sich weitergeschleppt, und so waren sie bis außerhalb der Stadt Innsbruck gekommen, wo sie damals wohnten, und dort waren sie auf die Kniee gesunken und hatten geweint. Geweint? Geschrieen hatten sie, geschrieen in ihrem hilflosen, verzweiflungsvollen Jammer, bis sie endlich einander ermattet in die Arme gesunken waren.