»Weiß sie ...?« hatte Paula endlich gefragt.
»Ja! Sie hat mit mir davon gesprochen und mir Dich und die Kleine an das Herz gelegt.«
O traurige Zeit einer letzten Krankheit! Leiden sehen müssen dasjenige, was man so innig liebt, und schließlich – grausame Notwendigkeit! – wünschen müssen, daß der Tod der Tragödie ein Ende machen möge, damit die Qual endlich, endlich vorüber sei. Und dann, wenn sie vorüber, ... welche Leere in der Brust, welche Einsamkeit außen und im Hause! Häßlicher, häßlicher Tod. –
Da saß Paula in ihrem schwarzen Kleide oder schlich durch die verödeten Räume, nachgrübelnd darüber, was sie tun sollte, um das zerstückte Familienleben wieder halbwegs aufzubauen. Sie war erst sechzehnjährig, aber sie hatte Mut und fühlte die Kraft in sich, den Versuch zu wagen, ob sie die Mutter, so weit das eben möglich, nicht ersetzen könnte. Da war der Vater, der nach wie vor seinem Berufe nachging und sich äußerlich stark zeigte, der Kinder wegen, aber dem der Schmerz am Herzen fraß, der einmal hatte weinen können und dann nie wieder. Da war die dreijährige Toni, das mutterlose Kind, das noch nicht verstand, was es verloren hatte; da war das Haus ohne Hausfrau ... und Vater, Kind und Haus umfaßte Paula mit ihren jungen Armen und mutigem Herzen; sie dachte niemals an sich; sie lebte nur für den Vater, die Kleine und das Haus und gewann mit den Jahren die wehmutvolle und erhebende Überzeugung, daß sie imstande war, die Mutter zu ersetzen, so gut eben der Platz, den eine Mutter leer gelassen, ausgefüllt werden kann.
Sie waren von Innsbruck fortgezogen und in das Dorf übersiedelt, wo sie heute noch lebten. Der Vater hatte vollauf zu tun, und wenn er nach Hause kam, empfing ihn ein wohlgeordnetes Haus, trat Paula ihm entgegen mit liebevollem Gruß, das Kind an der Hand. Nunmehr ihr Kind. Sie liebte dieses Kind mit mütterlicher Zärtlichkeit, sie mußte ihm ja Mutter sein. Das Kind gehörte ihr, ihr allein. Niemand anders als sie durfte es überwachen, pflegen, erziehen. Wenn jemand die Kleine küßte, bewunderte, ihr schön tat und Toni dazu lächelte, empfand Paula eine eifersüchtige Regung: das Kind könnte ihr entwendet werden, könnte sich an Fremde anschließen, ... oder aber sie fürchtete wieder, daß sie die Kleine nicht richtig erziehe, zu streng oder zu schwach wäre, daß Toni sterben könnte. Wenn das Kind Kopfweh hatte oder stiller war als sonst, fieberte Paula vor Angst. Was sie für sich selbst niemals gewesen war, – für Toni war sie eitel und konnte stundenlang über Schnitt und Aufputz eines Kinderkleidchens nachdenken. Und was für eine Freude war es dann später für sie, das Kind zu unterrichten, es lesen, schreiben und zählen zu lehren und den jungen Geist zu bilden. Wie glücklich machte es sie, mit dem Kinde spazieren zu gehen und zu sehen, wie munter Toni voransprang und wie gesund und kräftig sie war und wie gelenk die schön geformten Glieder. Oft gingen die Mädchen dem Vater entgegen und Paula hing sich dann an seinen Arm und sprach mit ihm von seinen Kranken, denn sie hatte sich so sehr in seinen Beruf hineingelebt, daß sie in allem und jedem Bescheid wußte und er sie oft scherzend seinen Assistenten nannte. Mit den Jahren war Paulas Liebe für die Kleine, wenn auch nicht weniger innig, so doch ruhiger geworden. Sie war ihres Lieblings sicher und wußte, daß sie Toni richtig erzog. Paula zählte heute dreiundzwanzig Jahre. Das Haus, der Vater, die Schwester waren ihre Welt. Sie hatte eine schwere Aufgabe zu erfüllen, dessen war sie sich wohl bewußt; aber in der Erfüllung ihrer Pflicht lag gleichzeitig auch ihr Glück.
Seit dem Tode der Mutter war kein Tag verstrichen, wo das junge Mädchen nicht an die Verstorbene gedacht hätte. In Paulas Zimmer stand ein kleiner Schrank, in dem lauter Erinnerungszeichen an die Mutter aufbewahrt lagen. Vor diesem Schranke kniete Paula nieder und nahm die ihr heiligen Reliquien heraus. Da waren Briefe der Mutter, ihr Gebetbuch, ihre Haushaltungsbücher, ihr Schmuck, ihr Brautkranz und Schleier und der Leuchter, der neben dem Bette gestanden hatte, als sie starb. Die Kerze darinnen war fast gänzlich herabgebrannt ... Die Mutter hatte Licht gemacht und war dann eingeschlafen, um nie wieder zu erwachen. Als Paula, erschreckt durch die Stille, in das Zimmer geeilt war, hatte sie die brennende Kerze und der Mutter Totenantlitz gesehen. Die Gute war still hinübergegangen, hatte den Ihrigen den gräßlichen Anblick des letzten Kampfes erspart ... Ja, gut war sie gewesen, gut und liebevoll bis zum letzten Augenblick.
Über dem Schranke hing das Bild der Mutter. Zu dem erhob Paula nun die Augen. Sie blickten ernst und dankbar, aber nicht kummervoll. Paula wußte, daß sie ein gutes Kind gewesen war und der Mutter mit Absicht niemals einen Schmerz bereitet hatte; daß sie treu in dem verwaisten Hause waltete und der gute Engel derjenigen war, die ihre Mutter über alles geliebt hatte. »Bist Du mit mir zufrieden?« fragte Paula leise. »Nie, hörst Du, Mutter? nie will ich sie verlassen; nie soll es anders werden, als es heute ist.«
Mit ruhiger Hand machte sie auf Stirn, Mund und Brust das Zeichen des Kreuzes, ihr Herz schlug friedvoll und leidenschaftslos, als sie jetzt ihr Lager aufsuchte und, bevor sie es tat, das Händchen der kleinen Toni küßte, die sanft schlummernd in ihrem Bette lag.
Sechstes Kapitel
Sonntag war's; ein frostiger, klarer Septembermorgen. Von nah und fern strömte das festtäglich geputzte Landvolk in die Kirche. Die Leute hatten sich vorgenommen, den Herrn Dekan zu versöhnen; der gespannte Ton, der zwischen ihnen und dem Seelenhirten herrschte, fing an, ihnen unbehaglich zu werden; sie wollten ihm beweisen, daß sie noch fromm waren und sich bemühten, einen Ausgleich anzustreben. Heute predigte der gnädige Herr selber. Nun, er sollte sehen, daß sie ihm nicht auswichen. Auf eine Strafpredigt waren sie gefaßt. Aber das verschlüge ja nichts; der Herr Dekan hätte am Ende einige Ursache, ungehalten zu sein; man hätte ihn in den Landtag wählen sollen, dann hätte man doch Frieden.