»Das sollst Du immer sein, wenn Du betest.«

»Und heute wird Paula singen,« fuhr das Kind mit großem Stolze fort. »Daß Sie heute gut spielen, Herr Stettner!« rief sie dem Lehrer zu. »Wenn Sie es nicht tun, dann geben Sie acht!«

Der Lehrer begrüßte den Geistlichen mit einem gezwungenen Lächeln. In welch' verschiedenem Tone sprach die Kleine zu diesem Menschen! Ihn behandelte sie immer von oben herab ... Ja, wenn sie nicht Paulas Schwester wäre! Aber so, ... was konnte er machen?

»Jetzt muß ich in die Kirche hineingehen,« sagte Toni. »Die Predigt fängt schon an.«

Sie grüßte und entfernte sich mit abgemessenen Schritten und sittsam niedergeschlagenen Augen.

»Folgen Sie ihr nicht?« fragte Harteck den Lehrer.

»Nein; ich habe keine Lust, mich abkanzeln zu lassen,« versetzte der junge Heißsporn, zog den Hut ab und ging rasch davon.

Harteck mußte über ihn lächeln. Im Grunde genommen konnte er es dem Lehrer nicht verargen, daß dieser der Predigt auswich; tat er doch das nämliche. Er blieb vor der Kirche stehen und blickte nach der Richtung, die in das Dorf führte. Er hatte die Absicht zu warten, bis Paula käme. Er wollte das junge Mädchen endlich einmal sehen. Im unverwandten Hinblicken nach der bezeichneten Gegend bemerkte er nicht, daß Fräulein Aurelie aus dem Pfarrhofe trat und auf die Kirche lossteuerte. Sie trug ein sehr enges Kleid und Schuhe mit Pariser Absätzen, was ihrem Gange einige Unsicherheit verlieh. In der Hand hielt sie ein großes, mit Silber beschlagenes Gebetbuch in braunen Sammet gebunden, das sie zärtlich an das Herz drückte. Ihr kleines, spitzes, über und über mit poudre de riz bestäubtes Gesicht hatte einen gesucht frommen Ausdruck. Sie wurde des Geistlichen sofort gewahr; schnell senkte sie den Blick und trippelte auf ihrem schwanken Schuhwerk auf ihn zu. Schon war sie ihm ganz nahe gekommen und er bemerkte sie noch immer nicht. Da ließ sie ein fistelartiges Räuspern ertönen: »Hm! hm!«

Er fuhr zusammen und drehte das Haupt nach ihr hin.

»So in Gedanken, Herr Kooperator?« redete sie ihn an. »Sie müssen an sehr interessante Dinge gedacht haben. O! werden Sie nicht rot! Denken darf man ja was und woran man will.«