Der Klang einer ihm bekannten Stimme lenkte seine Gedanken von Fräulein Aurelie ab. Er sah den Lehrer kommen; diesem zur Seite, das Haupt halb abgewendet von ihm, ging ein junges Mädchen. Was die beiden miteinander sprachen, konnte Harteck nicht verstehen; jedoch aus dem Tone ihrer Stimmen war zu erraten, daß sie über irgend etwas uneinig waren. Eine Ahnung sagte dem Priester, daß dieses Mädchen Paula wäre ... Nun denn! Sie ging mit dem Lehrer, ließ sich von ihm abholen und begleiten, zankte mit ihm, ... also doch zwei Verliebte. Harteck empfand ein Gefühl, das der Enttäuschung nahe kam. Er würde lieber gesehen haben, wenn diese viel besprochene, viel gerühmte Paula nur für die Ihrigen gelebt, wenn sie diesen langhaarigen, überspannten Schullehrer nicht geliebt hätte ... Wie konnte ein feines und kluges Mädchen sich in solchen Kauz verlieben?

Paula näherte sich ihm; er konnte ihr Gesicht sehen; ihre blassen, feinen Züge drückten einige Unzufriedenheit aus und zwischen ihren Brauen lag eine Falte. Mit stolzer Ruhe ging sie einher, den Schritt weder beschleunigend noch ihn verzögernd. Ihr Begleiter gestikulierte heftig, redete in sie hinein, schien sie von irgendeiner Sache überzeugen zu wollen ... Sie schüttelte bloß den Kopf.

»Ich habe Sie oft schon ersucht, mich nicht abzuholen und sich mir nicht anzuschließen, wenn wir einander auf dem Weg nach der Kirche begegnen,« hörte der Priester sie sagen. »Warum beachten Sie meine Worte nicht?«

»Weshalb aber,« fiel er aufgeregt ein, hielt jedoch plötzlich inne. Er hatte den Geistlichen bemerkt. Paula folgte der Richtung, die sein Blick genommen. Ihre grauen ernsten Augen begegneten Hartecks forschendem Blicke, sie sah ihn ruhig an, und er, der Sitte des Dorfes entgegen, verbeugte sich unwillkürlich. Es war eine Seltenheit, daß auf dem Lande ein Priester ein Glied seiner Gemeinde zuerst grüßte ... Paula jedoch schien diese kleine, ihrem Geschlechte dargebrachte Huldigung nur natürlich zu finden; sie dankte ohne zu lächeln und ging an ihm vorüber. Harteck schaute der schlanken Mädchengestalt nach, bis sie verschwunden war.

»Eine marmorkalte Schönheit!« dachte er. »Armer närrischer Friedrich! Von diesem Bild ohne Gnade ist freilich nicht viel zu hoffen.«

Er blickte auf die Uhr. Es war Zeit, sich für das Hochamt anzukleiden. Was ihm sonst beinahe niemals widerfuhr, – heute freute er sich auf die Abhaltung des Gottesdienstes. Er war auf Paulas Gesang gespannt.

Bald darauf stand er vor dem Altar. Das Hochamt begann. Als Paulas Stimme ertönte, – so ganz verschieden von den übrigen Stimmen auf dem Chor, so weit besser geschult und seelenvoller, – da durchrieselte die Glieder des jungen Mannes ein Schauder des Entzückens. Er hatte Sinn und Verständnis für alles Schöne, und das Leben, das er führte, brachte das Schöne in der Kunst so selten auf seinen Weg. Mit lautschlagendem Herzen lauschte er der tiefen, klangvollen Mädchenstimme und empfand eine seltsame Befriedigung, wenn unmittelbar auf seine Stimme der Gesang des Mädchens einfiel. Stundenlang hätte er sie singen hören, hätte diese Töne gleichsam trinken mögen, um sein durstiges Herz zu erquicken, – aber das Hochamt ging zu Ende, die Andächtigen entfernten sich, Gesang und Orgelspiel verstummten, der Genuß für Ohr und Seele war vorbei. Eine Woche, eine ganze lange Woche mußte er auf die Wiederholung dieser belebenden Stunde warten, ... vielleicht länger noch; denn wer weiß, ob Paula am nächsten Sonntag abermals singen würde? Rasch verfügte er sich in die Sakristei und legte hastig das Meßgewand ab. Er wollte dem jungen Mädchen zuvorkommen, wollte früher als sie außerhalb der Kirche sein, Paula noch einmal sehen, ... vielleicht, daß die kleine Toni ihn anreden und sich ihm dadurch die Gelegenheit bieten würde, mit Paula zu sprechen; er würde dem jungen Mädchen gern gesagt haben, wie sehr ihr Gesang ihn entzückt hatte. Das war doch erlaubt, nicht wahr? Er war gewohnt, daß sein Vorgesetzter an allem, was er tat, zu rügen fand, ... vielleicht würde er auch darin Tadelnswertes erblickt haben. In Gottes Namen! auf einen Verweis mehr oder weniger kam es nicht an. »Ich stelle ihn doch nicht zufrieden,« dachte Harteck und eilte ins Freie.

Wirklich sah er Paula mit Toni kommen. Die Kleine hing am Arm der Schwester und plauderte eifrig mit ihr. Rasch entschlossen ging Harteck dem Paare entgegen, – die Schwestern konnten ihm nicht ausweichen, sie mußten ihn sehen. Toni hatte auch keineswegs die Absicht, ihn zu übersehen; sie zupfte die Schwester am Kleide und flüsterte ihr, während sie den Priester mit lachenden Augen anschaute, einige Worte zu. Paula aber blickte nicht einmal auf. »Komm!« sagte sie bloß zur Kleinen, die nicht üble Lust zu haben schien, stehen zu bleiben; widerstrebend gab Toni nach und die beiden gingen an dem Priester, der enttäuschten Gesichtes dastand, vorüber. Das Kind blickte noch einmal zurück und lächelte ihn an, – er nickte ihm flüchtig zu und begab sich langsamen Schrittes nach Hause. Am Frühstückstisch fand er niemanden als den jungen Mönch, der ihm schweigend mehrere Briefe überreichte. Gleichgültig schob Harteck die Briefe in die Tasche. Sie waren aus seiner Heimat, von seiner Mutter und Schwester; die konnte er auch später lesen.

»Wo sind der Herr Dekan und das Fräulein?« fragte er, um etwas zu sagen.

»Im Garten.«