Er öffnete die Tür und der Hund sprang vergnügt an ihm empor. Er schien gefürchtet zu haben, daß auch sein Herr böse auf ihn sein würde.
»Komm herein!« sagte Harteck und schloß die Tür ab. Dann setzte er sich auf einen Stuhl, umfaßte mit beiden Händen den Kopf des Hundes, der neben ihm stand, und ließ Cäsars Ohren durch die Finger gleiten. Sein Gesicht nahm dabei einen finsteren, gespannten Ausdruck an. Es war, als ob Schatten seiner Brust entstiegen und sich verdunkelnd auf seine Züge legten. Schatten aus der Vergangenheit, unvergeßliche Stunden, sie kamen wieder, tauchten auf aus ihrem dürftig bedeckten Grab und stellten sich vor ihn hin. Er mochte die Augen wenden, wohin er wollte, ... überall stand die Vergangenheit und nickte ihm höhnisch zu. Er hatte sich strenges, unverbrüchliches Schweigen auferlegt; nicht den Menschen gegenüber: das hatte er gelernt von Jugend auf; wohl aber gegenüber sich selbst. Nicht rühren an der Vergangenheit, nicht grübeln oder trauern, nicht fragen, ob sie nicht besser hätte sein können, nicht jammern über Dinge, die nun einmal nicht zu ändern waren, ... das war es, was er sich zugeschworen hatte und auch treulich hielt. Aber heute wankte er in seinem Entschluß. Es war doch nur eine Kleinigkeit, die ihn dazu brachte; der Hund hatte die ungerechten Schläge schon wieder abgeschüttelt, ... und dennoch: just dieser Kleinigkeit, dieses Tropfens hatte es bedurft, und die Schale floß plötzlich über. Ertragen, immer ertragen müssen, nicht schützen dürfen das, was man liebt ... Gott im Himmel! Er war kein Weichling, er litt ja alles, biß die Zähne zusammen und überwand den Schmerz, ... aber nur die Menschen, die er liebte, sollten sie nicht kränken. Er dachte nicht an den Hund. Das arme Tier! Dem hatten die Schläge nicht so wehe getan; ein paar Liebkosungen oder ein Knochen – und vergessen war das Leid. Aber ein anderes Unrecht schwebte dem Priester vor, ein ungesühntes und nicht zu sühnendes. Unrecht ...? Die Herren urteilten anders. Der Dekan hatte ihm niemals gesagt, daß er bei seinen früheren Vorgesetzten nach seiner Vergangenheit gefragt; aber Harteck fühlte und ahnte das. Sie hatten ihn nicht geliebt, diese seine Vorgesetzten. Der erste war noch zu ertragen, war ein gutherziger, schwacher alter Mann gewesen, der sich sogar recht schwer von ihm getrennt hatte. Aber der zweite. Der hatte ihn gehaßt, haßte ihn noch und würde ihm schaden, wo immer er nur konnte. Der hatte ihm auch geschadet bei dem Dekan, das fühlte Harteck instinktiv; auch hatte manche Andeutung des Dekans ihn vermuten lassen, daß der Prinzipal um seine Vergangenheit wisse. Einmal hatte er zu ihm gesagt: »Sie sprechen sehr häufig mit der Uschei ... Lassen Sie sich nicht einfallen, dem Mädchen unerlaubte Gedanken in den Kopf zu setzen. In meinem Hause würde dergleichen ebensowenig geduldet werden wie anderswo.« Hatte das eine Anspielung sein sollen? Vielleicht! Der Mund des jungen Priesters verzog sich zu einem matten Lächeln, er stand auf, ging zu einem Schranke hin, zog eine der Laden heraus und kramte darin herum. Bald hatte er gefunden, was er suchte. Ein kleines Paket war es, das eine Photographie und einen Brief enthielt. Die Photographie stellte ein Tiroler Bauernmädchen im Sonntagsstaat dar. Es schaute ihn an aus treuherzigen blauen Augen, und während er es betrachtete, dachte er an vergangene Stunden und wie oft er diese Augen, diese Lippen, dieses blonde Haar geküßt, wie oft diesen jungen, blühenden Leib umfangen ... Armes, zärtliches, liebevolles Mädchen! An ihr hatten die Menschen schweres Unrecht verübt. Sie hatte ihn geliebt mit selbstloser, hingebungsvoller Liebe, hatte nichts begehrt, keinen Schwur, keinen Ring, und hatte ihm doch alles gegeben, was ein Weib dem Manne geben kann, ... und was war der Lohn dafür! Ein verbotenes Liebesglück, Spott, Verachtung, und dann hatte der Pfarrer sie aus dem Hause gejagt. In Hartecks Abwesenheit war es geschehen. Der Pfarrer hatte ihn fortgeschickt, und während er ihr fern, hatten der harte Mann und dessen tugendhafte Wirtschafterin dem Mädchen Beleidigung um Beleidigung ins Gesicht geschleudert, und sie hatte vor ihnen auf den Knieen gelegen und sie angefleht, Erbarmen mit ihr zu haben: sie würde ja gehen, auf immer gehen ... Sie aber hatten kein Erbarmen gehabt, hatten sie gehöhnt und beschimpft, und er war nicht dabei gewesen, hatte sie nicht schützen, nicht mit seinem Leibe decken können ... Als er heimkam, war die Unglückliche schon weit, und von den Knechten und Mägden hörte er, was sich begeben in seiner Abwesenheit.
Sie war ihm noch immer teuer und würde ihm teuer bleiben, solang Leben und Atem in ihm. Wohl war der Liebesrausch verflogen, und er gestand sich heute, daß es besser gewesen war für ihn und sie, daß man sie voneinander gerissen hatte. Im Anfang hatten sie sich oft geschrieben; das ist ja der einzige Trost zweier Menschen, die das Schicksal auf immer getrennt hat. Er hatte diese Briefe später verbrannt, – bis auf einen, den letzten, den er von seinem Mädchen erhalten. Der lag getreulich aufbewahrt neben der Photographie und den schlug er auch jetzt auseinander und las ihn durch.
»Ich schreibe Dir heute zum letztenmal,« hieß es darin. »Du mußt mir deshalb nicht böse sein, liebster Georg, aber ich kann nicht anders. Ich hab' Dir genug Plage und Schmerz gekostet und das soll jetzt aufhören und Du mußt mich vergessen. Ich hab' einen braven Mann kennen gelernt und der will mich heiraten. Ich hab' ihm alles gesagt und er hat mir's verziehen, aber schreiben darf ich Dir nicht mehr und so muß ich Abschied von Dir nehmen. Ich hab' mich ja doch schwer versündigt an unserem Herrgott, dem lieben Heiland, der Jungfrau und den Engeln, daß ich einen Priester gern gehabt hab' und ich will umkehren und wieder rechtschaffen werden. Mein zukünftiger Mann hat von seiner ersten seligen Frau drei liebe Kinder und denen will ich mit dem Beistand der hochgebenedeiten Jungfrau Maria eine gute Mutter werden. Ich hab' so viel zu ihr gebetet und ich glaube, daß sie mich erhört hat und daß es so am besten ist. Ach, Georg, ich hab' Dich so lieb gehabt und mir ist oft so bang um Dich und ich meine, daß ich Dir doch recht abgehen muß. Verzeih mir, daß ich so rede, es soll nicht mehr geschehen, das alles ist ja vorbei. Denk an mich wie an eine Tote und bete für mich, und die Photographie schicke ich Dir zum Andenken; die heb auf und vergiß nie, daß Du mein alles gewesen bist, daß Du auf Deine Gesundheit schauen und wieder lustig werden mußt; denn das Herz tät mir brechen, wenn ich hören tät, daß Du Dich heruntergrämst wegen mir und krank bist. Schau, das mußt Du nicht tun, das wär' ein armes Dirndel wie ich gar nicht wert. Ich hab' gehört, daß Du vom Ort fortkommen wirst, und ich bin froh drum. Du wirst einen besseren Pfarrer finden und neue Freunde und dann wird wieder alles gut sein. Und so leb' wohl, lieber Georg. Ich denke Tag und Nacht an Dich –
Deine Kathrin.«
So oft er diesen Brief durchlas, beschlich ihn ein Gefühl, das halb Beruhigung, halb Wehmut war. Gott sei Dank! er hatte das gute Mädchen nicht ganz zugrunde gerichtet; rechtzeitig noch hatte sie sich emporgerafft und ein neues Leben angefangen. Wohl mochte ihr das im Anfang schwer gefallen sein, aber sie hatte sich tapfer durchgerungen und lebte heute geachtet und geliebt von allen im Hause ihres Gatten. Seit einem halben Jahre hatte sie auch ein eigen Kind. Das alles wußte er durch Fremde, denn sie hatte ihm, ihrem Vorsatz getreu, nie wiedergeschrieben. Ein paarmal hatte sie ihm durch dritte Grüße zukommen und ihm sagen lassen, daß es ihr wohl ergehe und daß ihr Kind ein kleiner Engel sei. Er wußte sie versorgt und geborgen und somit war alles gut.
Er legte die Photographie und den Brief in die Lade zurück und erinnerte sich dabei an die Briefe, die der Mönch ihm eingehändigt und die er noch nicht gelesen hatte. Er griff in die Tasche seiner Soutane, zog die Briefe hervor und erbrach sie. Sie enthielten nichts Neues. Das Leben seiner Mutter und Schwester, die in seiner Vaterstadt, in Kufstein, wohnten, ging seinen hergebrachten Gang. Die Mutter schrieb ihm, wie gewöhnlich, in strengem pietistischen Ton, sprach von Gott und der Kirche und hielt ihm seine Priesterpflichten vor. Der Sohn war ihr immer noch nicht geistlich, nicht ernst und fromm genug. Ein zärtliches Wort, der Wunsch ihn zu sehen, die Hoffnung, daß er sich glücklich fühle, sprachen nicht aus dem langen Schreiben; es enthielt bloß Ermahnungen. Die Schwester schrieb in einem anderen Tone; kurz und verständig, wenn auch nicht liebevoll. Sie war erst siebenundzwanzig Jahre alt und schon Witwe, hatte einen einzigen kleinen Knaben und lebte in geordneten Verhältnissen. Sie sprach in ihrem Briefe hauptsächlich von sich und dem Kinde und daß sie ihre Schwiegereltern um den kleinen Finger wickele, daß diese alles täten, was sie wünschte und den Knaben sehr verzögen, und so nebenbei erkundigte sie sich auch nach dem Befinden des Bruders und forderte ihn auf, ihr wieder einmal zu schreiben. Harteck durchflog die Briefe, legte sie dann in eine Lade und klappte sein Album auf. Er wollte die Bilder der Mutter und Schwester betrachten. Da standen sie nebeneinander, beide so gut getroffen, so lebenswahr. Das waren die harten Züge der Mutter, ihr festgeschlossener Mund, der niemals lächelte, ihr silbergraues Haar und ihre strengblickenden Augen; und das nebenan war das feine, kluge Gesichtchen der Schwester, mit dem spöttischen Ausdruck und den kalten, klaren Augen, aus denen grenzenlose Selbstsucht und eine gewisse mitleidige Geringschätzung sprachen, ... ja, das war sie, wie sie leibte und lebte. Als Kind schon hatte sie die Menschen zu bezaubern verstanden, und jedermann, obwohl sie äußerlich so sanft und still tat, nach ihrer Pfeife tanzen lassen; den Bruder hatte sie immer beherrscht und ihm alles, was er besaß, Spielsachen, Naschwerk, abgeschmeichelt ... Er hatte sie abgöttisch geliebt und sie – nun! sie war ihm leidlich gut gewesen, weil er immer ihren Willen tat, jedes von ihr verübte Vergehen und die darauf folgende Strafe auf sich nahm, die Schulaufgaben für sie machte und ihr jeden Wunsch erfüllte. Mit dem Plan der Mutter, daß er Priester werden sollte, war sie höchlich einverstanden gewesen; da kostete seine Erziehung nichts, weil ein ihnen befreundeter Priester die Kosten davon tragen wollte, er konnte nicht heiraten und somit gehörte alles, was die Mutter besaß, ihr allein; er brauchte ja nichts, hätte als allein lebender Priester an seiner Einnahme genug ... Er wußte, daß ihre Gedanken solcher Art waren, obschon sie ganz anders sprach, ihm das Schöne und Erhabene des Priesterberufes vorhielt, und daß der Mutter Herz an diesem Plane hinge und: »Du bist so gut, Georg, Du wirst der Mutter dieses Opfer bringen« ... Und er hatte es gebracht und Gott allein weiß, was dieses Opfer ihm gekostet hatte. Doch nichts davon. Daran durfte er niemals rühren; das war nun einmal geschehen und mußte getragen werden. Genug! Er hatte ihnen ihren Willen getan und sie waren es zufrieden. Die kluge Schwester hatte sich mit neunzehn Jahren vermählt; nicht aus Liebe. Aber ihr Mann war jung, gutherzig und vermögend, ein einziger Sohn. Sie wußte ihm Liebe vorzuheucheln und schmeichelte sich in sein und seiner Eltern Herz, und er heiratete sie in dem festen Glauben, daß sie ihn ebenso liebe wie er sie, und sie war klug genug, ihm eine liebenswürdige, pflichtgetreue Gattin zu sein. Er starb nach kurzer Ehe, sie trug Trauer um ihn, verblieb im Hause der Schwiegereltern, deren alleiniger Erbe ihr Söhnchen war, und lebte heute nur für das Kind, das sie, weil ein Stück von ihr, wirklich liebte. Die Mutter lebte allein. Das war Georgs Familie, waren die einzigen Menschen, die ihm verwandt.
Beim Nachdenken über die Seinen kamen ihm plötzlich Paula und Toni in den Sinn. Ja, das war Geschwisterliebe; eine solche Liebe würde, müßte über vieles hinweghelfen. Wenn seine Schwester Paula oder der kleinen Toni gliche, wenn die Mutter ihn so geliebt hätte, wie der Arzt seine Töchter liebte, wenn ihm ein so schönes, harmonisches Familienleben beschieden gewesen wäre: dann würde er wohl nicht geworden sein, was er war. Schon wieder! Er wollte ja daran nicht denken. Rasch entschlossen griff er nach einem Buche, setzte sich ans Fenster und fing zu lesen an. Cäsar, der alle seine Bewegungen mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, legte sich zu seinen Füßen nieder, postierte den Kopf zwischen die Vorderpfoten und verhielt sich ganz ruhig. Fliegen summten in der Stube, durch das offene Fenster strömte die frische Herbstluft herein und auf den Gartenwegen stolzierte Fräulein Aurelie auf und ab und tat oft einen verstohlenen Blick aufwärts nach dem Priester, in der Hoffnung, daß er sie bemerken, grüßen, vielleicht – man kann nicht wissen – herunter in den Garten kommen würde ... Aber Harteck blickte kein einziges Mal von seinem Buche auf. Die Lektüre fesselte ihn. Seine Züge hatten ihren gewohnten resignierten Ausdruck angenommen. In seinem Herzen war es wieder still geworden.
Siebentes Kapitel
Wenige Tage später wurde die Schule geschlossen. Der Scharlach grassierte im Dorfe und den umliegenden Ortschaften. Ein Kind war der Krankheit bereits erlegen.