»Hier wird es mit jedem Tage angenehmer,« dachte Fräulein Aurelie, die am Fenster stand, und drückte ihr gelbes Gesichtchen an die Scheibe. »Ansteckende Krankheiten und immerwährend schlechtes Wetter ... Wie es heute wieder regnet! Und dieser Kooperator läuft beständig im Regen herum ... Da ist er schon wieder, er und sein liebenswürdiger Hund. Jetzt bleibt er stehen. Natürlich! Kommt doch seine Auserwählte, die Uschei, des Weges. Mit der hat er immer etwas zu verhandeln. O diese Geistlichen! Alle haben einen so gemeinen Geschmack und geben sich mit Köchinnen und Mägden ab ... Fi donc!«

Harteck stand, nicht ahnend, daß er beobachtet wurde, in der Tat vor dem Hause und sprach mit der jungen Magd. Ein sehr harmloses Gespräch war es, das er führte: er fragte sie, ob es im Dorfe nichts Neues gebe, ob nicht vielleicht abermals ein Kind erkrankt wäre?

»Ja, heut' nacht is wieder über ein's der Scharlach kimma,« antwortete Uschei. »Die kloan Toni vom Herrn Doktor is sehr krank.«

Harteck zuckte zusammen. Sein Herzblatt, sein süßer, schöner Liebling schwer krank!

»Von wem haben Sie das gehört?« fragte er mit entfärbtem Gesichte.

»Vom Herrn Lehrer. Der hat das Kind g'sehen und g'sagt, daß' eahm schlecht geht.«

»Wirklich,« murmelte Harteck und ging halb abwesend weiter. Wie teuer ihm das Kind war, fühlte er jetzt. Und allsogleich malte er sich die Lage Paulas aus ... In welcher Sorge mochte die sein um die kleine Schwester! Wenn Toni stürbe –? Ihm schwindelte bei diesem Gedanken. Er suchte den Lehrer auf. Dieser wußte ihm nichts Tröstliches zu berichten. Die Krankheit trete sehr heftig auf; man müsse auf alles gefaßt sein.

»Und wie erträgt Tonis Schwester diesen Schlag?« fragte Harteck.

»O! Fräulein Paula ist wie immer, ... stark und ruhig; spricht beinahe nichts und weicht nicht von dem Kinde. Aber schlecht sieht sie aus, ... zum Erbarmen. Ich will nachmittags wieder hinübergehen, ... vielleicht kann ich dort von einigem Nutzen sein. Aufrichtig gesagt, mir bangt um Paula beinahe mehr noch als um das Kind.«

»Mir ebenfalls,« sagte Harteck. Er hatte Paulas kaltes Betragen gegen ihn vergessen. Sie hatte ja nicht wissen können, daß ihr Gesang ihn so mächtig ergriffen und ihn gleichsam hingezogen hatte zu ihr. Und mußte eine törichte Empfindlichkeit angesichts so großen Leides nicht zu Staub zerfallen? Er fühlte mit Paula, als ob er ihr Bruder wäre. Warum stand er ihr so ferne, warum durfte er sie nicht trösten und stützen und ihr das Kind pflegen helfen? Dieser Lehrer, der ihr am Ende auch bloß ein Fremder war, hatte das Recht in ihr Haus zu gehen, das Kind zu sehen, sich dienstbar zu erweisen, ... er nicht. Er mußte sich mit Mitteilungen aus dritter Hand begnügen. Wie verwünschte er die feindselige Stellung, die der Dekan gegenüber seiner Gemeinde einnahm und die folglich auch ihn von allen Dorfbewohnern schied! Er verzehrte sich in Angst und Sorge um das Kind. Oft, oft ging er am Hause des Arztes vorbei, spähte nach den Fenstern, näherte sich der Schwelle und stand wieder still ... Er hatte da drinnen nichts zu suchen; niemand erwartete ihn, niemand begehrte nach ihm. Einmal erblickte er Paula am Fenster. Abend war es; das junge Mädchen öffnete das Fenster, beugte sich heraus und schaute zum grauen Himmel empor. Wie traurig verändert sie war, so blaß, um die Augen dunkle Ringe, im Gesicht einen müden, zerquälten Ausdruck. Ihr Anblick tat ihm unsäglich wehe. Schon stand er im Begriff, seine Scheu zu überwinden und Paula anzusprechen, ... da zog sie sich zurück und schloß das Fenster. Welcher Jammer mochte da drinnen wohnen! Und machtlos zuschauen müssen, nicht einmal sein Mitgefühl zeigen dürfen, ... das war doch bitter.