Tag um Tag verstrich. Durch den Lehrer erhielt Harteck Nachricht über Tonis Befinden; in einer Nacht war sie dem Tode nahe gewesen, endlich aber trat eine Besserung ein. Das Kind war, wenn auch sehr entkräftet, doch außer Gefahr.
Eines Abends war Harteck allein zu Hause. Draußen regnete es, wie gewöhnlich. Beschäftigungslos saß der junge Mann auf seinem Bett und unterhielt sich damit, daß er seinen Cäsar an den Ohren zog und den Hund dadurch zum Bellen brachte. Da klopfte es an seine Tür. Rasch erhob er sich, um aufzumachen. Auf der Schwelle stand Uschei und in der Nähe eine andere, dunkelgekleidete Gestalt. Er erkannte auf den ersten Blick, daß es Paula war. Ihr unvermuteter Anblick erschreckte ihn. Was führte sie zu ihm? War Toni schlechter geworden und kam die Schwester zu dem Priester, um ihn an das Sterbebett des Kindes zu holen? Doch nein; das war unmöglich. In diesem Falle würde Paula die Kleine nicht verlassen, würde jemand anderen geschickt haben ... Mit fragendem Blick näherte er sich dem jungen Mädchen.
»Verzeihen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Paula. Aus ihrer Stimme klang eine unterdrückte Aufregung, eine gewisse Beklemmung, ... sie atmete rasch. »Ich komme auf die Bitte meiner kleinen Schwester zu Ihnen. Sie wünscht, Sie zu sehen. Sie war so krank und fühlt sich jetzt so schwach, ... ich mußte ihrem Verlangen nachgeben. Sie will beichten, ... das arme Kind, das nichts begangen hat ...«
Die Stimme versagte ihr, sie preßte wie trotzig die Lippen zusammen und wandte das Gesicht ab. Harteck betrachtete sie mit Teilnahme. Weshalb war sie so erregt? Fürchtete sie sich oder war ihr der Wunsch des Kindes peinlich? Das mochte es sein.
»Soll ich sogleich kommen?« fragte er sie sanft.
Ohne ihn anzusehen, nickte sie mit dem Kopfe.
Er griff nach seinem Hute.
»Ich bin bereit,« sagte er, ging voran und Paula folgte ihm schweigend; sie verließen den Pfarrhof und schritten, ohne ein Wort zu sprechen, durch die finstere Straße; Paula hielt den Blick zur Erde geheftet und ging sehr langsam. Sie schien etwas sagen zu wollen, jedoch das rechte Wort nicht zu finden ...
Er mißdeutete ihr Zögern und nahm es für eine Anwandlung körperlicher Schwäche.
»Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?« fragte er sie. »Sie können sich kaum auf den Füßen halten.«