»Ich danke Ihnen,« antwortete Paula fast unhörbar. »Das ist es nicht ...«

»Was sonst?« fragte er und blickte sie an.

Sie blieb stumm. Wie hätte sie ihm auch erklären können, was sie beunruhigte! Dazu gebrach es ihr an Mut ... Paula war fromm, aber nicht in der Art, wie der Dekan es verlangte. Sie beichtete selten und betete daheim ebenso gern wie in der Kirche; sie blieb den Wallfahrten und Prozessionen fern, ging jeder Schaustellung der Frömmigkeit absichtlich aus dem Wege ... Der Dekan war ihr deshalb nicht wohlwollend gesinnt, das wußte sie. Nun bangte ihr für Toni. Diese Priester, diese familienlosen, einsamen Menschen sind oft so rücksichtslos ... Das Kind hatte dringend nach seinem Religionslehrer verlangt; ihm diese Bitte abzuschlagen, war unmöglich gewesen. Wie aber, wenn dieser Priester ein Finsterling wäre? Wenn er das Kind ängstigte, ihm vom Tode vorredete? Das war es, was Paula fürchtete; darum war sie auch selbst gegangen, ihn zu holen ... Sie hatte ihn bitten wollen, die Kleine nicht zu quälen, ihr die Todesgedanken, die Angst vor der Hölle, die das arme, geschwächte Kind bedrückten, auszureden, ... und nun hatte sie nicht den Mut, ihm das zu sagen. Er war ihr fremd. Wer weiß, ob er ihr die Bitte, die im Grunde genommen nichts anderes war als ein Vorschreiben dessen, was er zu tun habe, nicht übel nehmen würde! Er sah zwar weder hart noch finster aus, – aber einem Priester zu diktieren, wie er sich einem Kranken gegenüber zu betragen habe, wäre doch ein außergewöhnliches Wagnis gewesen. Paula zögerte immer noch und wußte nicht, was sie tun sollte.

Da stand das Haus. Nun war es vorbei. Paula öffnete das Tor und bat den Geistlichen einzutreten. Einige Augenblicke kämpfte sie noch mit sich, wollte sprechen; doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. Schweigend führte sie den Gast die Treppe hinan nach dem Zimmer, in dem die kleine Kranke lag. Neben dem Bettchen des Kindes stand ein Nachttisch und auf diesem eine Lampe. Das Kind saß aufrecht im Bette, auf der Decke lag ein Gebetbuch, um die abgemagerten Fingerchen hatte Toni die Perlen eines Rosenkranzes geschlungen. Das blasse, veränderte Gesicht des Kindes drückte feierlichen Ernst aus und seine jetzt beinah unheimlich großen Augen leuchteten in fieberhaftem Glanz.

»Da bringe ich Deinen Lehrer,« sagte Paula mit erzwungenem Lächeln.

Toni nickte stumm. Sie wagte nicht zu sprechen, ja kaum zu atmen. Mit scheuer Ehrfurcht blickte sie zu dem Priester auf.

Harteck trug einen Stuhl zu dem Bette, setzte sich und beugte sich auf das Kind herab.

»Warum so ernst?« fragte er und küßte es auf die Stirn. »Bin ich Dir in der kurzen Zeit so fremd geworden?«

»Ich will beichten,« flüsterte die arme Kleine.

»Das kannst Du ja tun, ... aber ohne Furcht. Komm, gib mir die Hand.« Leise entwand er ihren Fingern den Rosenkranz und behielt die kleine Hand in der seinen. »Nun sag, was Du mir zu sagen hast.« Er neigte sich nach vorne und näherte das Ohr den Lippen des Kindes. Toni begann zu flüstern.