Paula stand abseits am Fenster und beobachtete die beiden. Ihre Besorgnis war zu Ende ... Dieser Mann würde ihren Liebling nicht ängstigen, das wußte sie nun. Er hatte das Kind angeschaut, so zärtlich und mitleidig, hatte es so liebevoll geküßt und in einem so sanften Ton zu ihm gesprochen. Nein, von dem war nichts zu befürchten. Zum ersten Mal betrachtete ihn Paula mit Teilnahme und Aufmerksamkeit. Ihr forschender Blick glitt über seine schlanke, schmalschultrige Gestalt, über die mageren Männerhände, in denen die weichen Finger des Kindes ruhten; glitt über sein Haupt mit dem dunklen Haar, aus dem die Tonsur hervorleuchtete, über sein blasses, feines Profil ... Sein Gesicht hatte einen eigentümlich leidenden Ausdruck, der sich jedoch rasch verlor, wenn der Priester sprach oder lächelte; Paula glaubte ein schöneres, gütigeres Lächeln niemals gesehen zu haben. Auf dem Kinn, den Wangen und über dem Munde des Mannes zeigten sich die dunklen Spuren des wegrasierten Bartes. Die starke Gebirgsluft hatte sein Gesicht nicht gerötet, nur stark gebräunt; bloß die Stirn, in die das Haar hing, war sehr bleich; die Nase leicht gebogen; um die Lippen und in den nicht großen, dunklen Augen lag etwas, das auf allerhand schließen ließ ... Dieser Mann mußte schon mancherlei erfahren, erlitten und überwunden haben ... Paula dachte wenigstens so. Wie hatten sie ihn so falsch beurteilen können? Ein so warmes Auge ist doch immer der Widerschein eines warmen Herzens ... Paula begriff jetzt nicht, wie sie von ihm Schlimmes zu erwarten vermocht hatte.

Die Beichte der kleinen Toni war rasch beendet. Das Kind hatte nicht viel zu sagen und der Beichtiger wenig zu ermahnen. Ein paar gütige Lehren erteilte er der Kleinen, gab ihr die Absolution und sprach dann von anderen Dingen: daß sie trachten müsse, bald wieder ganz gesund zu werden, daß sie brav essen und viel schlafen und guten Mutes sein solle, dann werde sie in kurzer Zeit wieder vollkommen hergestellt sein. Er bat Paula hierauf um ein Erzählungsbuch und las dem Kinde einige Geschichten daraus vor, und als er dann bemerkte, daß die Kleine den Kopf müde auf das Kissen sinken ließ, fragte er sie, ob sie schläfrig wäre.

»Nein, o nein,« antwortete das Kind.

»Das werden wir sogleich erproben,« versetzte er. »Verhalte Dich einige Minuten lang ganz ruhig. Wenn Du dann noch nicht eingeschlafen bist, will ich Dir eine neue Geschichte vorlesen. Ist es Dir so recht?«

Sie sagte ja dazu und schloß die Augen. Nach einer kurzen Weile war sie in Schlaf gesunken. Der Priester betrachtete sie, küßte ihre Händchen und stand auf.

»Sie schläft,« sagte er gedämpften Tones zu Paula, ergriff die Lampe und stellte sie auf den Ofen, so daß die Kleine im Halbdunkel lag. Dann grüßte er das junge Mädchen und wollte sich entfernen. Paula machte eine Bewegung nach ihm hin.

»Herr Kooperator ...«

Er stand still. Sie trat auf ihn zu.

»Ich danke Ihnen, ... ich danke Ihnen herzlich,« sagte sie leise und demütig.

Er schaute in ihr bewegtes Gesicht und ihre großen, wundersamen Augen, die ihn wie reuevoll anblickten, und entgegnete: