»Wofür danken Sie mir?«

»Sie waren so gut gegen das Kind ...«

»Das ist doch kein Verdienst, ... ich habe Ihre kleine Schwester sehr lieb.«

Paula senkte die Augen.

»Ich muß Sie auch um Verzeihung bitten,« sagte sie.

»Mich?«

»Ja. Wenn ich jemandem – und wäre es auch nur im Geiste – unrecht tat, quält mich das so lange, bis ich es eingestanden habe. Ich glaubte ... ich fürchtete, daß Sie anders sein, daß Sie Toni ... ängstigen würden, ... manche Priester halten es für ihre Pflicht, kranke Menschen auf den Tod hinzuweisen und machen selbst bei Kindern keine Ausnahme, ... ich habe mich in Ihnen geirrt. Bitte, vergeben Sie mir.«

Er sah vor sich nieder.

»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen,« erwiderte er. »Dieses Vorurteil gegen meinen Stand mag ein begründetes sein, ... ich weiß es nicht.« Er schwieg ein paar Augenblicke und Paula stand während der kurzen Stille ziemlich unbehaglich vor ihm; dann sagte er: »Sie haben eine schwere Zeit durchgemacht. Die Kleine war recht schlimm, wie mir erzählt wurde.«

»Sehr schlimm. Als ich erkannte, daß sie den Scharlach hätte, glaubte ich umsinken zu müssen. Solang man niemand Teuren hat sterben sehen, glaubt man nicht recht an den Tod; man weiß zwar, daß alle Menschen sterben müssen, aber man denkt niemals ernsthaft darüber nach ... Ich jedoch habe schon erfahren, was verlieren heißt. Was Vater und ich ausgestanden haben in der Nacht, wo wir meinten, daß Toni sterben würde, kann ich mit Worten nicht wiedergeben, ... wir weinten nicht, wir standen da wie Bildsäulen und starrten das Kind an, ... es war fürchterlich ...« Sie fuhr mit der Hand über ihre Stirn und warf einen Blick voll Liebe auf die schlafende Kleine. »Gott sei Dank! ich habe sie noch!« murmelte sie dabei und faltete die Hände. Der Priester sah sie mit Rührung an. Bei ihrem Anblick kam ihm unwillkürlich die Gottesmutter in den Sinn. Auch Paula war rein und liebevoll, war Jungfrau und Mutter zugleich ...