Er bat sie um Entschuldigung; er habe es nicht böse gemeint. Sein Gesicht aber blieb finster und er ging sehr bald wieder fort.

Harteck kam in der Tat am nächsten und auch an den folgenden Tagen. Toni hatte darum gebeten und ihrem Wunsche mußte nachgegeben werden. Der Geistliche hielt sich niemals lange auf, höchstens eine Stunde, plauderte mit dem Kinde, erzählte ihm Geschichten oder las ihm vor und brachte ihm täglich etwas: Spielzeug, Naschwerk, Heiligenbildchen oder sonst eine Kleinigkeit. Paula zog sich gewöhnlich in ihre Fensternische zurück, beschäftigte sich mit einer Näherei und horchte auf das, was der Priester und das Kind zusammen sprachen. Sie selbst sagte fast nichts, aber sie nahm im Geiste teil an dem Gespräche, lächelte manchmal, legte die Arbeit in den Schoß und schaute den jungen Priester gedankenvoll an. Einmal fragte sie ihn, ob er jüngere Geschwister hätte.

»Leider nicht,« gab er zur Antwort. »Wenn ich welche besäße und einmal Pfarrer wäre, müßten alle zu mir kommen. Ich bete die Kinder an.«

»Haben Sie Aussicht, bald Pfarrer zu werden?« fragte Paula.

»Nicht die geringste und ich freue mich darüber. Ich bin sehr gern hier.«

Paula sagte nichts darauf, aber auch sie war froh über diese Mitteilung. Wenigstens würde er noch längere Zeit am Orte bleiben.

Sie dachte viel über ihn nach. Gleich allen jenen, die sich wenig mit sich selbst beschäftigen, sann sie gern über die Menschen nach, mit denen sie verkehrte. Über Harteck konnte sie sich noch kein Urteil bilden, denn, wenn er nicht gefragt wurde, sprach er niemals von sich selbst; er besaß überhaupt ein sehr gleichmäßiges Temperament. Paula hätte gern gewußt, ob er sich mit dem Dekan und den übrigen Bewohnern des Pfarrhofes gut vertrage; sie wünschte es seinetwegen; am Ende waren diese die einzigen Menschen, mit denen er vertraulicheren Umgang pflegen durfte. Sie lenkte einmal das Gespräch auf den Dekan, das Fräulein und den Mönch, erhielt jedoch nur ungenügende Auskunft über das, was sie zu wissen begehrte. Der junge Priester sagte bloß, daß er allen diesen Personen noch ziemlich fremd gegenüberstehe und daß es mit der Zeit wohl anders werden würde; aber er urteilte über niemanden, wie er überhaupt höchst selten bei Menschen oder Dingen verweilte, die auch nur im entferntesten an seinen Beruf erinnerten.

Manchmal, wenn Toni ungeduldig fragte, ob denn ihr geistlicher Freund noch immer nicht käme, stellte Paula sich ans Fenster und wartete sein Eintreffen ab. Da bemerkte sie auch mehr als einmal, daß sein Gesicht einen verdüsterten Ausdruck hatte, jenen eigentümlichen, zergrämten Ausdruck, der sich den Zügen derjenigen einzuprägen pflegt, die ein geheim gehaltenes Leid in der Brust tragen. Jedoch wenn er ins Zimmer trat, sie begrüßte, mit ihr und der Kleinen sprach, verlor sich dieser Ausdruck wieder und Harteck sagte auch nie ein Wort, das hätte vermuten lassen, daß er sich nicht glücklich fühlte. – Ob er jemanden liebte? Er hatte doch ein warmes, liebebedürftiges Herz; würde er sonst die kleine Toni so lieb haben können? Wen aber liebte er? Er sprach nie von jemandem, von keinem Freunde, keinem Verwandten. Stand er denn ganz allein? Eines Tages entschloß sich Paula, ihn um seine Familie zu befragen, ob er noch eine hätte und wo sie lebte.

»In Kufstein wohnen meine Leute,« antwortete er. »Mein Vater ist seit langem tot. Aber meine Mutter und Schwester leben noch.«

»Besuchen Sie Ihre Familie manchmal?«