»Sehr selten. Wir sind einander entfremdet. Sehen Sie, Fräulein,« fuhr er nach einer augenblicklichen Stille fort, »diese Entfremdung von der Familie ist eine notwendige Folge der Erziehung, die wir genießen. Ich hatte meine Mutter und besonders meine Schwester sehr lieb, solang ich bei ihnen lebte, und die Trennung vom Hause fiel mir sehr schwer. Ich war trostlos, wenn die Vakanzen, die ich daheim verbrachte, zu Ende waren und ich zurück mußte ins Seminar. Mit den Jahren aber wurde es anders. Die Herzensbildung spielt beim Kleriker insofern eine untergeordnete Rolle, als man ihn im Seminar nichts anderes lehrt, als daß er für die Kirche und deren Interessen zu wirken habe. Wir durften niemals das tun, wozu wir gerade Lust hatten, mußten auf Befehl lernen, lesen, beten, spazierengehen, mußten unsere Neigungen unbeugsamen Gesetzen unterordnen, und bei einer so soldatischen Dressur wird man – wenn auch nicht hart – so doch gleichgültig. Ich fand das Leben im Seminar oft recht schwer und traurig. Mich verlangte allein zu sein, zu träumen, zu schweigen, mich diesem oder jenem meiner Studiengenossen anzuschließen, ... aber allem und jedem setzte sich ein unerbittliches Nein entgegen. Wir durften immer nur scharenweise oder im besten Falle zu dreien ausgehen, damit keine Freundschaft zwischen zweien der Zöglinge entstehe, und an unsere Familie war uns nur selten zu schreiben gestattet; und selbst dann wußten wir nicht, ob nicht unsere Briefe gelesen würden, bevor sie an ihre Adresse abgingen. Auf diese Weise lösen sich langsam alle Bande, die uns an unsere Familie knüpfen, und wir verlernen zu lieben, – im einzelnen wenigstens. Ich erzähle Ihnen das alles nicht, um mich zu beklagen. Es ist ganz in der Ordnung so, – man muß den Priester auf das einsame Leben, das ihm bevorsteht, frühzeitig vorbereiten. Ich wollte mich nur vor Ihnen rechtfertigen darüber, daß ich so gleichgültig von meiner Familie sprach.«

»Ein Gutes bringt eine so strenge Erziehung unfehlbar mit sich,« bemerkte Paula. »Sie lehrt eine sehr schwierige Tugend: die Selbstbeherrschung.«

Da er ihr keine Antwort gab, fragte Paula ablenkend: »Haben Sie unter Ihren Berufsgenossen niemals einen Freund gefunden?«

»O doch!« versetzte er. »Einen wohl: an dem Pfarrort, wo ich lebte, bevor ich hierher versetzt wurde. Er ist noch sehr jung und hat erst vor kurzem die Weihen empfangen. Ich freute mich jedesmal, wenn ich ihn ansah, er ist so jugendfroh und arbeitsfreudig, so eifrig und gutherzig, ... ein prächtiger Mensch, mit einem Worte. Eine Zeitlang war er sehr krank und ich pflegte ihn und das brachte uns einander so nahe. Der arme Junge! Er wollte recht stark scheinen, als ich scheiden mußte, sprach in einem fort und lachte, obwohl Tränen in seinen Augen standen, ... und plötzlich fiel er mir um den Hals und schluchzte: ›Ich kann Dich nicht verlieren! Das ist ja nicht möglich!‹ ... Und ich mußte ihn noch beruhigen und mir war doch selber schwer zumute ...«

Er brach ab, trat zum Fenster hin und blickte zum Himmel auf.

»Es fängt schon wieder zu regnen an,« sagte er. Seine Stimme klang verschleiert. Paula folgte ihm. Sie standen nahe nebeneinander, ihr Kleid streifte das seine. Gern hätte sie ihm etwas Liebreiches, Tröstendes gesagt, ... ihr Blick hing an seinem aufwärts gekehrten, traurigen Gesicht und schüchtern fragte sie: »Kommt er nicht manchmal zu Ihnen oder Sie zu ihm?«

Stumm schüttelte er den Kopf und sah eine Weile trübe vor sich hin. Dann ermannte er sich, strich sich das Haar aus der Stirn und lächelte das junge Mädchen, das ihn noch immer ansah, freundlich an.

»Beunruhigen Sie sich nicht meinetwegen,« sagte er. »Finden und verlieren ist eben Menschenlos und muß getragen werden. Komm her, Toni!« rief er sich umwendend und nahm das Kind, das nunmehr beinahe vollständig gesund war und sich ihnen genähert hatte, auf den Arm. »Du bist jetzt mein kleiner Freund, nicht wahr?«

»Ja, ich und Paula,« sagte Toni. Er lachte und stellte die Kleine wieder auf den Boden. Dabei warf er einen Blick auf Paula, die noch am Fenster stand und mit einem etwas unzufriedenen Gesicht auf die Straße sah. Diese ärgerliche Miene kleidete sie sehr gut. Ihre Wangen waren röter als gewöhnlich und zwischen ihren Brauen lag eine zornige Falte. Sie glättete mit der Hand ihr Haar und strich es hinter die kleinen heißen Ohren zurück, – augenscheinlich wollte sie irgend etwas tun, um dem Blicke des jungen Mannes nicht begegnen zu müssen. Harteck trat an ihre Seite und fragte mit halblauter Stimme: »Weshalb sind Sie so böse? Verdrießt es Sie im Ernste, daß Ihre Schwester Sie für meine Freundin hält?«

»O nein! Das verdrießt mich nicht,« versetzte Paula ohne ihn anzusehen, »wohl aber, daß Toni so unbesonnen schwatzt, ... nicht anders, als ob sie solche und ähnliche Dinge von mir hörte ...«