»Ach! Bleiben Sie noch!« bat er sie zurückhaltend. »Sehen Sie, wie Ihr Schwesterchen sich vergnügt!«
Sie sagte weder Ja noch Nein auf seine Aufforderung, aber sie blieb. Sie blieb ja so gern bei ihm, hätte ihn so gern vieles gefragt und ihm mancherlei gesagt, ... aber ihr Vater, die Leute ... Wie ein Liebespaar, das ein Stelldichein verabredet hat, standen sie nebeneinander ... Wenn jemand sie so sähe! Sie drückte den Muff an Kinn und Mund und blickte starr auf den Schnee.
»Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen?« fragte der Priester. »Ihre Blässe beunruhigt mich. Ich fürchte, daß Sie sich erkältet haben.«
Sie schüttelte den Kopf, fügte sich jedoch seinem Vorschlag. Langsam wandelten sie die Straße auf und nieder.
»Ich bin immer gesund,« bemerkte Paula. »Vater hat uns frühe an Abhärtungen aller Art gewöhnt.«
»Ihr Vater scheint ein vortrefflicher Mann zu sein,« sagte Harteck.
»Ja, das ist er; wie geschaffen zu dem Berufe, den er sich erwählt hat. Wenn ich ein Mann wäre, möchte ich Arzt sein oder Priester ... Diese beiden haben den edelsten und aufopferungsvollsten Beruf auf Erden.«
Harteck ließ den Kopf auf die Brust sinken und sagte nichts. Paula hingegen fuhr mit bewegter Stimme fort: »Wenn ich in der Kirche bin, ergreift es mich oft wunderbar. Unser Kult ist so schön, so reich, schmeichelt allen Sinnen und spricht zum Herzen ... Ich meine, daß der ungläubigste Mensch erschüttert werden müßte, wenn er einem feierlichen katholischen Gottesdienste beiwohnte. Am Altar zu stehen, hinter sich die andachtsvolle Menge, dazu das Orgelspiel, der Gesang auf dem Chor und der Weihrauchduft: katholischer Priester zu sein ist eine hohe und herrliche Aufgabe. Die ganze Gemeinde ist seine Familie, er kann bessern, veredeln, aufrichten, wenn er seinen Beruf mit dem Herzen ausübt, ... er kann unsäglich viel Gutes tun in seinem Dorfe, ... und dieser Gedanke muß beruhigend und beglückend wirken, muß über vieles hinweghelfen ...«
Noch immer blieb Harteck stumm. Weshalb sagte sie ihm das, ihm, einem Priester? Wollte sie ihn trösten, ihn versöhnen mit dem Lose, das ihm zugefallen war? Gutes Mädchen! Das alles hatte er sich schon tausende Male vorgesagt, ohne daß es je ein Echo gefunden hätte in seinem Herzen.
»Warum sind Sie nicht meine Schwester!« sagte er plötzlich, – fast unwillkürlich.