Sie langten im Dorfe an und kamen an dem Pfarrhof vorbei. Fräulein Aurelie stand hinter einem der Fenster und sah hämischen Blickes auf das Schwesternpaar herab. »Sie kommen aus derselben Richtung, die der ehrenwerte Herr Kooperator genommen hat,« dachte Aurelie. »Hm! ... Wir wollen einmal abwarten, ob dieser Herr ihnen nicht in Bälde folgen wird ...«

Ihre Vermutung bestätigte sich. Nach kaum einer Viertelstunde traf Harteck im Pfarrhof ein. Aurelie nickte befriedigt und begab sich schnurstracks zu ihrem Oheim.

»Ich habe mit Dir zu sprechen, Onkelchen,« sagte sie mit geheimnisvoller Miene.

»Was gibt es denn?« fragte der Dekan. Seit einiger Zeit hatte seine Stimmung umgeschlagen. Die Bauern krochen zu Kreuze. Die Kirche war an jedem Sonn- und Feiertag überfüllt, die Wallfahrten zahlreich besucht und dem Opferstock flossen reichliche Gaben zu. Diese »Kerle« wollten eine Versöhnung herbeiführen. Der Herr Dekan spielte zwar äußerlich noch den Beleidigten, im Innern aber dachte er schon friedlicher: er hatte die Absicht, demnächst eine ernste, ermahnende und gleichzeitig milde Predigt zu halten.

»Ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht,« sprach Aurelie weiter. »Ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich die Behauptung aufstelle, daß Dein Kooperator und Fräulein Paula Reinberg in zärtlichen Beziehungen zueinander stehen. Soeben haben sie auf der Heerstraße ein Rendezvous gehabt.«

Der Dekan zog die Augenbrauen in die Höhe; seine feisten Wangen wackelten.

»Bist Du dessen gewiß?« fragte er.

»So gewiß wie meiner selbst. Das ist doch eine Schande und eine Schmach!«

»Wenn es so ist, wie Du sagst, müßte ich allerdings ein ernstes Wort mit diesem Herrn sprechen. Aber in solchen Dingen heißt es vorsichtig sein.«

Das Fräulein nickte. Sie hatte die Absicht gehabt, im Herbst nach Wien zurückzukehren, ihren Entschluß jedoch geändert. Auf dem Lande war es so still und angenehm, kein Kindergeschrei, keine Stiefmutter, die ein schiefes Gesicht zieht, wenn man, anstatt zu arbeiten, einen Roman liest ... Außerdem verlangte die Familie nicht nach ihr. In jedem Briefe hieß es: Bleib noch auf dem Lande, die Luft wird Dir gut tun ... Nun! Sie sollten ihren Willen haben. Der Oheim ließ ihr völlige Freiheit, sie verbrachte den Tag in süßem Nichtstun, aß vortrefflich und niemand störte sie; sie durfte auch spionieren und kleine Kabalen anzetteln ... Das lag zwar nicht in ihrer Natur und sie würde es sicherlich unterlassen haben, wenn Georg Harteck weniger geschmacklos gewesen wäre. Sie würde ihn – sollte man's glauben? – mit ihrer Freundschaft beglückt, ihn auf seinen Spaziergängen begleitet und ihn durch ihr großstädtisches Geplauder amüsiert haben, – alles in Anstand und Ehren, natürlich! Aber er hatte nicht gewollt. Dieser Narr! Dieser Geck! Sie würde ihm zu Weihnachten eine eigenhändig verfertigte Stickerei überreicht haben, ... aber so, wie die Dinge standen, war die Stickerei unvollendet geblieben. »Wahrhaftig! Dieser Mensch ist sein eigener Feind!« dachte das Fräulein, das alles überlegend.