»Herein!« sagte er ärgerlich. Ein gewisses Unbehagen bemächtigte sich aller, als auf die Aufforderung derjenige eintrat, über dessen Schicksal sie soeben zu Gericht gesessen hatten.
»Was wollen Sie?« herrschte der Dekan den Ahnungslosen an. Nichts Besonderes wollte er; er war nur gekommen, um mit dem Dekan über irgendeine kirchliche Angelegenheit zu sprechen. Alle wichen seinen Blicken aus.
»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich gestört habe,« sagte Harteck, über den sonderbaren Empfang befremdet.
»Sie stören durchaus nicht,« versetzte der Dekan, der sich bereits gefaßt hatte. »Geh in Dein Zimmer, Aurelie, und Sie, Pater Benediktus, vergessen den Auftrag nicht, den ich Ihnen soeben erteilt habe.«
»Ich werde ihn nicht vergessen,« antwortete der Mönch, bis über die Schläfen errötend, verbeugte sich ungeschickt und folgte dem Fräulein, das mit steifem Kopfnicken und zusammengekniffenen Lippen aus der Stube ging.
Harteck sagte nun, was er zu sagen hatte; er war bald zu Ende. Während er sprach, sah ihn der Dekan von der Seite an und schnupfte mehrere Male. Das bleiche, edle, etwas leidende Gesicht des jungen Priesters flößte ihm nicht das geringste Mitleid ein. Er hielt Hartecks verschüchterten Blick aus, ohne mit den Wimpern zu zucken, und als er ihn entließ und der junge Geistliche sich mit einer Verbeugung zurückzog, setzte sich der Dekan an das Pult und wiederholte im Geiste die Worte: »Ich werde demnächst nach Salzburg reisen und diese Sache in Ordnung bringen.«
Zehntes Kapitel
Das schönste Fest der Christen, Weihnachten, kam. Harteck brachte den heiligen Abend auf dem Bette liegend zu. Er fühlte sich recht unwohl und sein körperliches Mißbefinden wurde durch den an hohen Feiertagen üblichen strengen Kirchendienst noch gesteigert. Die Seinen hatten ihm Geschenke und Briefe geschickt und das Schreiben seiner Mutter fing mit den Worten an: »Ich bete zu Gott, dem Allmächtigen, daß Du das neue Jahr mit besseren Vorsätzen beginnen möchtest als das alte ...« Er hatte den Brief kaum zu Ende gelesen. Uschei schlug die Hände über dem Kopf zusammen und jammerte sehr, als sie hörte, daß er den heiligen Abend in seinem Zimmer zubringen wollte: am Weihnachtabend werde so gut gegessen und getrunken und wäre alle Welt so fröhlich ... Er tröstete das Mädchen. Ihm liege am Essen und Trinken nicht viel und er wäre ganz gern allein.
»Wirklich?« fragte sie ungläubig. »I' tät' dem Herrn gern oa bissal G'sellschaft leisten, ... aber beim Bärenwirt unten warten's auf mich.«
»Wer? Vielleicht Ihr Schatz?«