»In Erwiderung auf Ihr geehrtes Schreiben vom 15. Juni 18—, hochverehrter, hochwürdiger Herr Dekan, erlaube ich mir, Ihnen nachstehende Mitteilungen zu machen. Der junge Mann, über den Sie sich bei mir zu erkundigen beliebten, wurde meiner Pfarre vor sechs Jahren zugeteilt und brachte beinahe zwei Jahre in meinem Hause zu. Er hatte damals erst vor wenigen Tagen die Weihen empfangen und war in der praktischen Seelsorge noch gänzlich unbewandert; ich bin mir bewußt, ihm freundlich entgegengekommen zu sein und mir alle Mühe gegeben zu haben, ihm, wo und wie immer ich nur konnte, hilfreich an die Hand zu gehen. Der junge Koadjutor blieb mir jedoch, obschon er äußerlich zuvorkommend und fügsam war, innerlich ein Fremder und erfüllte auch seine Berufspflichten nicht mit jenem Eifer und jener Hingebung, die von einem Priester erwartet und gefordert werden dürfen. Ebenso machte ich bald die Wahrnehmung, daß er mit allen Leuten lieber verkehrte als mit mir und in Gesellschaft von Bauern sehr aufgeräumt sein konnte, während er im Pfarrhof stets schweigsam und verschlossen war. Indessen will ich dem jungen Manne nicht schaden, und es sollte mich freuen, wenn nichts anderes als das noch Ungewohnte seines Berufes und der große Unterschied der Jahre, der zwischen ihm und mir bestand, es gewesen wären, die ein vertrauliches Zusammenleben und Wirken nicht recht aufkommen ließen. Seinen Sitten kann ich nichts Ungünstiges nachsagen und ebenso muß ich mich gegen die Vermutung, daß ich es gewesen wäre, der auf seine Versetzung von meinem Pfarrhof in einen anderen gedrungen hätte, entschieden verwahren. Ich bin mit dem jungen Manne stets leidlich gut ausgekommen und sah ihn sogar ziemlich ungern scheiden, weil ich mich an ihn gewöhnt hatte. Die Ursache seiner Versetzung war keine andere, als daß ein Kooperator plötzlich starb, dessen Stelle sofort besetzt werden mußte. Zum Lobe meines ehemaligen Koadjutors will ich noch hinzufügen, daß er sich am Orte großer Beliebtheit erfreute und sein Scheiden allgemeines Bedauern hervorrief. Indem ich Sie bitte, hochverehrter und hochwürdiger Herr Dekan, von dieser vertraulichen Mitteilung keinerlei Gebrauch zu machen und Ihrem neuen Mitarbeiter mit unbefangenem Wohlwollen entgegenzukommen, zeichne ich« usw.

Der Dekan legte den Brief auf das Pult und griff nach dem zweiten Schreiben.

»Hochgeehrter Herr Dekan!« hieß es darin. »Zu meinem Bedauern sehe ich mich gezwungen, Ihnen auf die von mir verlangte Auskunft über die Konduite des Herrn Kooperators H— eine ungünstige Antwort zu geben. Drei Jahre lang habe ich mich mit diesem Herrn geplagt und geärgert, und ich danke heute unserem Herrgott, daß es meinen wiederholten Bitten um seine Versetzung endlich gelungen ist, ihn mir vom Halse zu schaffen. Er mißfiel mir vom ersten Augenblick an, obwohl er im Anfang sich alle Mühe gab, mich über seinen wahren Charakter zu täuschen; ich aber durchschaute ihn sofort und wußte, mit welcher Art von Menschen ich zu tun hätte. Meiner Ansicht nach hätte dieser Herr niemals Priester werden sollen. Junge Geistliche, die das Haar lang und lockig tragen und sich bemühen, die Tonsur zu verbergen, sich zierlich kleiden und ohne den Spiegel nicht existieren könnten, sind mir von jeher antipathisch gewesen. Jener junge Herr war nicht nur eitel auf seine äußere Erscheinung, sondern auch über alle Maßen weltlich gesinnt, vergnügungssüchtig und eigensinnig; Kirche und Pfarrhof waren die Orte, wo er sich am unliebsten aufhielt, – aber mit Bauern und Städtern unnützes Zeug schwatzen, in alle Häuser, wo junge Frauenzimmer wohnten, laufen, musizieren, lesen, spazierengehen, – ja, das behagte seinem hoffärtigen Sinne. Sie können sich nach dem eben Gehörten wohl ohne Mühe vorstellen, daß ich den jungen Mann nicht allzu sanft behandelte; ich wollte ihn bessern, – aber da kam ich schön an! Er widersetzte sich allem, was ich ihm zu tun befahl oder zu unterlassen gebot, konspirierte mit den Aufgeklärten (sic!) im Orte gegen mich und ging mir wie einem Pestkranken aus dem Wege. Im letzten Jahre setzte er seinem Benehmen die Krone auf, indem er mit einer Dirne, die meine Wirtschafterin (eine sehr achtbare Person) ins Haus genommen hatte, ein intimes Liebesverhältnis einging. Glücklicherweise bekam meine Wirtschafterin bald Wind davon und drang darauf, daß die Dirne das Haus verlasse. Ich war damit natürlich einverstanden und schickte das Mädchen, das nicht aus unserem Dorfe war, in ihren Heimatsort zurück. Würden Sie an meiner Stelle anders gehandelt haben? Es ist wahr, und ich rühme mich dessen: ich habe der Dirne tüchtig den Kopf gewaschen und ihr meine Meinung gesagt. An ihrem Heulen war mir wenig gelegen. Aber daß mich mein Herr Untergebener darüber förmlich zur Rede stellte und mir mit einer mir völlig fremden Leidenschaftlichkeit meine »Roheiten« gegen ein unglückliches, wehrloses Mädchen (sic!) vorwarf, – das war doch eine unerhörte Frechheit! Ich habe sie ihn auch entgelten lassen und ihn von dieser Stunde an mit rücksichtsloser Härte behandelt. Wenn er Reue gezeigt hätte, würde ich ihm vielleicht verziehen haben. Aber (bloß um mich zu ärgern!) gab er sich den Anschein, als ob er die Dirne nicht vergessen könnte, stand in Briefwechsel mit ihr, aß fast nichts, rannte in der Nacht in den Straßen herum anstatt zu schlafen, – kurzum, gebärdete sich wie ein Narr. Ein halbes Jahr später kam die Nachricht, daß sein Mädchen sich verlobt hätte und darauf wurde er – äußerlich wenigstens – ruhiger. Dessenungeachtet ließ ich alle Minen springen, um ihn los zu werden, und als ich meinen Zweck endlich erreicht hatte, schied er, – natürlich ohne mich um Verzeihung gebeten zu haben, und verbarg ebensowenig, wie lieb es ihm wäre, von hier fortzukommen.

Ich wünsche von Herzen, hochwürdiger Herr Dekan, daß der verunglückte Mensch sich gebessert haben oder daß es Ihrem Einflusse gelingen möge, ihn zu bessern, und verbleibe« usw.

»Das klingt schon anders als das erste Zeugnis,« murmelte der Dekan. »Der junge Mann hat Fortschritte gemacht.«

Er schlug das dritte Schreiben auseinander. Dieses war sehr kurz und lautete wie folgt:

»Hochwürdiger, hochgeehrter Herr Dekan! Ich bedaure lebhaft, Ihre Nachfrage hinsichtlich des Herrn Kooperators H. nur ungenügend beantworten zu können. Stets von Geschäften überbürdet, ist es mir nicht möglich, mich eingehend mit den Charakteren der vier mir unterstehenden Kooperatoren und Koadjutoren zu beschäftigen. Herr H. lebte kaum ein Jahr bei mir und blieb mir beinahe völlig fremd. Im Anfang seines Hierseins war er immer leidend und wahrscheinlich auch infolgedessen still und traurig. Später erholte er sich und kam seinen Berufspflichten stets pünktlich nach. Im großen und ganzen kann ich ihn weder loben noch tadeln. Er ist, wie ich glaube, ein indifferenter Mensch. Umgang pflog er mit wenig Leuten; meinen Geistlichen gegenüber verhielt er sich zurückhaltend; nur als mein jüngster Koadjutor am Typhus erkrankte, pflegte ihn Herr H., wie ich gehört habe, mit aufopferungsvoller Fürsorge und schloß sich dem jungen Manne, als dieser genesen war, auch näher an. Dieser selbe Herr Koadjutor hat sein Scheiden schmerzlich empfunden. Was die Sitten Herrn H.s anbelangt, so enthalte ich mich darüber jedes Urteiles, indem ich mich um das, was meine Herren außerhalb des Pfarrhofes treiben, grundsätzlich nicht bekümmere. Übrigens ist mir nichts Nachteiliges zu Ohren gekommen. Genehmigen Sie« usw.

Der Dekan verschloß die Briefe im Pulte und blieb in nachdenklicher Stellung sitzen. Er wußte nun, wie sein neuer Kooperator beschaffen war; er hatte drei kompetente Urteile über den jungen Mann gehört, ... denn kompetent waren diese Stimmen, wenigstens nach seiner Meinung, und nun kannte er ihn, glaubte ihn zu kennen. »Mit dem werden wir schon fertig werden. Es ist gut, wenn man gleich am Anfang weiß, wie man sich einem Menschen gegenüber zu verhalten hat.«

Die Frage, ob der Verkehr nicht weit unbefangener und ungezwungener gewesen wäre, wenn er diese Spionage unterlassen und den jungen Mann selbst geprüft und kennen zu lernen versucht hätte, ohne sich im voraus ein auf fremde Aussprüche gestütztes Urteil über ihn zu bilden, diese Frage kam dem Dekan nicht einmal in den Sinn. Ebensowenig war er geneigt, aus den Briefen anderes herauszulesen, als daß Georg Harteck ein pflichtvergessener Priester war und einen störrigen, ziemlich sittenlosen Charakter besaß. Er streichelte mit der Hand sein spitzes Kinn, nickte wie einer, der weiß, was er zu tun hat, stand auf und verfügte sich in sein Schlafzimmer.

Zweites Kapitel