»Trachten Sie, bis zum Silvesterabend gesund zu werden,« sagte der Mönch nach einer Pause. »An diesem Abend wird im Gasthause zur Post ein großes Fest veranstaltet, ... sie nennen es ein Konzert; die Einnahme – denn es wird Entréegeld gefordert – soll zum Besten der Kirche verwendet werden, ... sie bedarf, wie Sie wissen, einer teilweisen Restaurierung. Der Schullehrer, der der Vorstand des hiesigen Musikvereines ist, soll sich dagegen gesträubt haben, ... aber die Bauern wollen dieses Fest durchaus veranstalten, um den gnädigen Herrn halbwegs zu versöhnen, und so hat der freigeistige Herr Schullehrer nachgeben müssen. Der Herr Dekan hat sein Erscheinen bereits huldvollst in Aussicht gestellt und es wird ihm jedenfalls lieb sein, wenn Sie ihn begleiten.«

»Werden Sie ebenfalls hinkommen?«

»Ich? O nein! Für mich existieren solche Dinge nicht.«

Diesen Worten folgte eine kurze Stille.

»Sie wollen also wirklich hierbleiben?« fragte der Mönch dann und stand auf.

»Ich werde mich zu Bett legen. Entschuldigen Sie mich freundlichst bei dem Herrn Dekan und dem gnädigen Fräulein ... Ich fühle mich so elend, daß ich ein trauriger Gesellschafter wäre und nur stören würde.«

»Dann wünsche ich Ihnen Besserung und Schlaf.«

»Gute Nacht, und seien Sie vielmals bedankt dafür, daß Sie sich zu mir bemüht haben,« sagte Harteck und reichte ihm die Hand hin.

»Ist gern geschehen,« sagte der Mönch, berührte flüchtig seine Hand und ging. –

Der Silvesterabend kam. In den leidlich geräumigen Zimmern des Gasthauses zur »Post« herrschte reges Leben und Treiben. Die Mehrzahl der Gäste hatte sich bereits eingefunden und der kleine Musikverein, bestehend aus neun Mann, mit dem Schullehrer an der Spitze, begann schon zu stimmen. Die Zimmer waren mit Tannenzweigen geschmückt, kunterbunt saß das Bauernvolk, alle im Sonntagsstaat, durcheinander. An einer langen Tafel, die in der Mitte des Saales stand, hatten die Honoratioren des Ortes und die vornehmeren Gäste aus der Umgebung Platz genommen; viele Herren aus dem Nachbarstädtchen waren gekommen, teils allein, teils mit ihren Familien. An diesem Tische saß auch Paula, zwischen zwei jungen Bahnbeamten, die sich bemühten, ihr angenehm zu sein. Toni, in einem weißen Kleidchen und mit leicht gewelltem Haar, saß neben ihrem Vater und sah kindlich erregt aus. Ein einziger Tisch war noch unbesetzt; der war für die »Herren« bestimmt. Der Herr Dekan ließ auf sich warten, und bevor er eingetroffen, durften die Produktionen nicht beginnen. Das Publikum war laut und lustig. Jetzt schon wurde viel getrunken und geraucht. Die Kellnerinnen rannten mit brennenden Wangen hin und her, ein ewiges Schreien nach Bier und Wein erscholl von allen Tischen und mancher Bauer klopfte mit seinem Taschenmesser ungeduldig an das geleerte Glas ... Da entstand plötzlich tiefe Stille. Der Herr Dekan war eingetreten. Alle Anwesenden erhoben sich von ihren Sitzen. Der gnädige Herr führte Fräulein Aurelie am Arm, die, eine Lorgnette vor den Augen, herablassend grüßend an den Tischen vorbeischritt. Den beiden folgten Harteck und mehrere Geistliche aus den Nachbarorten und endlich Wirt und Wirtin. Der Dekan nahm auf dem Ehrenfauteuil Platz, rechts von ihm setzte sich das Fräulein und ihr zur Seite ließ sich Harteck nieder. Die übrigen Herren setzten sich ebenfalls und sagten den Wirtsleuten ein paar verbindliche Reden über die geschmackvolle Dekorierung des Saales; einer der Geistlichen bot dem Wirt sogar eine Prise an, die dieser annahm und sogleich heftig nieste. Die Unterhaltung begann hierauf aufs neue, wenn auch in stillerer Art. Fräulein Aurelie, die in ihrem blaß lilafarbenen Seidenkleid magerer denn je aussah, lehnte sich zurück, fächelte sich Kühlung zu und tat sehr geziert.