»Hier ist es zum Ersticken heiß,« lispelte sie. »Ich bin begierig, was für komisches Zeug zur Aufführung gelangen wird.«

»Sie dürfen eben keine hohen Ansprüche stellen, gnädiges Fräulein,« sagte Harteck zerstreut und blickte nach der Tafel in der Mitte. Paula kehrte ihm den Rücken zu; wenn sie den Kopf einem ihrer Nachbarn zuwendete, war ihm vergönnt, ihr reines Profil zu sehen. Sie trug ein schwarzes, mit Spitzen besetztes Kaschmirkleid, das ihre blasse Gesichtsfarbe prächtig hob; ihr Haar war zu einem einfachen Knoten verschlungen und die Scheitel an der Stirn bedeckten halb die kleinen Ohren. Der junge Priester sah lang nach ihr hin; sehnsüchtig glitt sein Auge über ihre sanft abfallenden Schultern, den fein gebogenen Nacken, die kleinen Locken am Halse, das dunkle Haar, und er konnte nicht umhin, die beiden jungen Herren zu beneiden, die ihr zur Seite sitzen, mit ihr sprechen, ihre Stimme hören durften ... Diese Glücklichen! Er wendete den Blick von dem Mädchen ab und starrte trübselig vor sich nieder.

Die musikalischen Produktionen begannen. Der Schullehrer, in einem altmodischen Frack, schlug aufgeregt den Takt. Allerdings hieß es bei diesem »Kunstgenuß« mehr mit dem guten Willen der Künstler vorlieb nehmen; und die wenig verwöhnten Bauern waren von den Leistungen ihres Musikvereins entzückt und klatschten lauten Beifall. Fräulein Aurelie fuhr nicht selten nervös zusammen, machte sogar Miene, sich die Ohren zuzuhalten ... Sie amüsierte sich nicht. An ihrem Tische ging es viel stiller zu als an den übrigen. Ihr Oheim war schweigsam, die fremden Geistlichen sprachen untereinander und ihr Nachbar tat den Mund nicht auf; an den Nebentischen hingegen wurde gelacht, gescherzt, in derber Weise der Hof gemacht. Darüber ärgerte sich Aurelie. Verdrießlichen Gesichtes saß sie da, klappte den Fächer auf und zu und gähnte absichtlich ... Dann fing sie an, sich in Klagen zu ergehen: es sollte nicht erlaubt sein zu rauchen, ... kaum Atem holen könne man in dieser Atmosphäre; die Leute lärmten zu viel und die Produktionen wären abscheulich, ohrenzerreißend; wenn man an Wiener Konzerte gewöhnt wäre, erscheine einem solche Musik barbarisch, ... und in dieser Weise ging es fort.

»Wien ist eben Wien und ein Dorf ein Dorf,« sagte Harteck, dem endlich die Geduld riß.

»Wirklich?« entgegnete das Fräulein höhnisch. »Ich danke für die gütige Aufklärung. Das hatte ich bis jetzt nicht gewußt.«

Harteck ließ diese Rede ohne Antwort. Er hatte keine Lust zu streiten, und überdies bemerkte er, daß Paula sich, wie suchend, umwendete. Er vergaß, daß es auf dieser Welt eine Aurelie gab und blickte unverwandt nach dem jungen Mädchen hin ... Wen suchte sie? Vielleicht – ihn? Am lauten Pochen seines Herzens fühlte er, wie lebhaft er das wünschte, wie sehr er geizte nach einem einzigen Blick ihrer schönen Augen ... O diese großen Augen mit dem noch größeren Blick! Sie suchten und fanden ihn und schauten ihn an, so sanft und bittend, als wenn sie sagen wollten: »Warum sind Sie so traurig? Im Geiste bin ich ja doch bei Ihnen, bei Ihnen allein ...« Dieser einzige Blick tröstete ihn wundersam. Er wurde heiterer und gab sich fortan Mühe, seine verdrießliche Nachbarin zu unterhalten. Paula sollte ihn nicht traurig wähnen.

Die Produktionen zogen sich in die Länge. Gesang, Zither- und Flötenspiel wechselten mit den Vorträgen der kleinen Kapelle ab. Dem jungen Dirigenten standen helle Schweißtropfen auf der Stirn, sein langes Haar war feucht und aus seinen Augen leuchtete stolze Befriedigung ... Laut und lauter wurde die Unterhaltung; eine gewisse weinselig-übermütige Stimmung fing an, sich kundzugeben. »Oan Tanz aufspielen!« rief eine heisere Stimme aus einer Ecke; sie wurde niedergezischt, aber der hübsche Bauernbursche, der das Wort gesprochen, versteckte den Kopf unter dem Tische und schrie noch lauter: »Oan Tanz aufspielen, ös[10] Sappermenter! Im Winter wollen mir[11] tanzen!«

»Bischt net stad, Du Sakra? Die Herren sein ja noch da!«

»Jessas! Die Herren! Die wer'n eppes[12] was dagegen haben, wenn mir luschti[13] sein!«

»Halt's Maul!«