»Kinnt's net Euer Maul halten, ös verflixten Buam!« rief die Wirtin ernstlich böse. »Wann die Herren das hören!«
»Na, ... so hörn's halt oanmal ... Net harb sein, Poschtwirtin[14]. Mir sein schon stad[15]. Aber, Musikleut', jetzt spielt's was auf! I kann mi schon nimmer darhalten[16], ... i muaß tanzen!«
Die »Herren« waren einstweilen schon weit und, minder fröhlich als diejenigen, die sie verlassen, schritten sie schweigend durch das Dorf. Am Pfarrhof angelangt, stiegen die fremden Geistlichen in ihre schon bereitstehenden Wagen und fuhren nach Hause. Harteck wünschte dem Dekan und Aurelien eine gute Nacht und tat, als ob er die Absicht hätte, in seine Wohnung zu gehen. In Wahrheit aber wartete er auf der Treppe, bis er die Hausgenossen in ihren Schlafstuben wußte, bis alles im Pfarrhof ruhig war; dann stieg er geräuschlos die Stufen hinab, verließ das Haus und schlug den Weg nach dem Wirtshause zur Post ein.
Was wollte er dort? An der Freude jener Menschen durfte er ja doch nicht teilnehmen; das wußte er, wußte es nur zu gut ... Aber mit unwiderstehlicher Gewalt zog es ihn dorthin, wo fröhliche Menschen waren, dorthin, wo Paula weilte. Sie wenigstens sehen, aus der Ferne bewundern dürfen, war ja auch ein Glück. Er zog den Hut an die Augen herab und schritt unverdrossen durch den kalten Schnee. Ging jemand hinter ihm? Ihm war, als ob er leise, leise Schritte hörte ... Er stand still und blickte zurück. Undurchdringliche Finsternis lag über der Erde; am Himmel war kein Stern zu sehen. Er horchte und spähte eine Zeitlang; nichts rührte sich. »Ich muß mich geirrt haben,« dachte er und setzte seinen Weg fort.
Da lag das Gasthaus. Durch die Fenster strahlte Lichterglanz; Musik, Johlen, Fußgetrampel ertönten. Der Priester drückte sich an die Wand und lugte durch eines der Fenster in den Saal hinein. Das Zimmer war ausgeräumt, tanzende Paare glitten auf und nieder. Nebenan tanzten die Bauern; dort ging es lärmend zu, ... hier war es stille, hier hielt die bessere Gesellschaft sich auf. Er gewahrte auch Paula. Sie tanzte noch nicht; in der Tür lehnend, sah sie dem Treiben der Bauern zu und beachtete wenig den Schullehrer und einige andere Herren, die sich augenscheinlich bemühten, sie zum Tanze zu überreden; der Arzt schien die Bitte der jungen Leute zu unterstützen; Paula schüttelte bloß das Haupt. Unzufrieden und verlegen standen der Arzt und die Herren um das Mädchen herum und sprachen in sie hinein ... Paula gab endlich – mit Widerstreben, wie es den Anschein hatte, – den vereinten Bitten nach. Sie lehnte sich an die Brust des Schullehrers und fing mit ihm zu walzen an. Dem außen und ausgeschlossen dastehenden Manne stieg das Blut zu Kopf bei diesem Anblick. Daran hatte er nicht gedacht; er hatte gehofft, daß Paula standhaft bleiben, daß sie nicht tanzen würde, ... und nun lag sie in den Armen des fremden Mannes und ihm – ihm hatte sie untersagt, das Wort an sie zu richten, wenn er sie zufällig auf der Straße träfe. Aber freilich, – was war er im Vergleich zu den anderen? Diese Männer durften sich ihr offen nähern, durften um sie werben, konnten ihr Herz und Hand anbieten; ihm aber war nichts gestattet von alledem, – er hatte einem Mädchen nichts zu bieten, als eine sich vor den Augen der Welt scheu verkriechende Liebe ... Worüber also murrte er? Er hatte kein Recht dazu.
Vielleicht, wenn sie gewußt hätte, daß er draußen stand, in der Winterkälte, die Füße im harten Schnee, so ganz ausgestoßen von jeder Freude und jedem Glück, das Herz gefoltert von Eifersucht, – vielleicht, daß sie dann Erbarmen gehabt und vom Tanze abgelassen haben würde. War ihm doch, als ob er hineinstürzen, sie bei der Hand packen und ihr zurufen müßte: »Du darfst nicht lachen noch Dich freuen, während ich so elend bin!« ... Jedes Wort, jedes Lächeln, jeder Blick, die sie einem ihrer Tänzer schenkte, fuhren wie ein Messerstich durch seine Brust. Wie durfte, wie konnte sie –! Unverwandt starrte er das Mädchen an. Ist's noch nicht genug? ... Gott sei Dank! Jetzt lehnte sie eine neue Aufforderung ab, setzte sich – gerade ihm gegenüber – und ließ die Hände in den Schoß sinken. Sie war erschöpft vom Tanze; ihre Lippen waren halb geöffnet, sie atmete rasch. Glücklich sah sie nicht aus; sie lächelte kaum und sprach sehr wenig. Langsam glitten ihre Blicke durch den Saal und blieben mit einem Male an einer Stelle haften ... Sie fuhr zusammen, erblaßte und sah angestrengt nach jener Stelle hin ... Harteck wich jählings vom Fenster zurück. Sie hatte ihn gesehen, mußte ihn gesehen haben, ihre Augen hatten sich getroffen ... Dicht an die Wand gedrängt, spähte er in den Saal hinein. Paula erhob sich, legte ein schwarzes Tuch um Kopf und Schultern, sagte ihrem Vater ein paar Worte ins Ohr ... Das Herz des unglücklichen Mannes schlug plötzlich sehr laut ... Er sah das Mädchen festen Schrittes dem Ausgang zuschreiten und den Tanzsaal verlassen.
Was hatte sie vor? Doch nicht –? Kaum wagte er diesen Gedanken auszudenken. Als er jetzt das Geräusch näher kommender Schritte vernahm, erfaßte ihn etwas wie Schreck. Die Schritte hörten plötzlich auf. Von dem Dunkel hoben sich die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt ab. Also doch, doch!
An allen Gliedern bebend, lehnte er sich an die Mauer und umklammerte mit der Hand das mit Schnee bedeckte Fenstergesimse.
»Was wollen Sie von mir?« stieß er mit Anstrengung heraus.
»Daß Sie nach Hause gehen,« antwortete eine vertraute Mädchenstimme. »Wo sind Sie? Es ist so finster, ... ich sehe Sie nicht.«