Der Mönch schüttelte den Kopf.
»Ich bin nicht hart,« sagte er. »Glauben Sie mir, ... Sie tun mir leid, trotz Ihrem Vergehen ... Ich will Ihnen auch versprechen, das Mädchen zu schonen, soviel ich kann.«
»Ich danke Ihnen,« sagte Harteck und atmete erleichtert auf.
»Und nun lassen Sie uns nach Hause gehen,« sprach Benediktus weiter. »Sie sind erschöpft und Ihre Hände fühlen sich wie Eis an. Auch fällt es mir erst jetzt auf ... Wo haben Sie Ihren Überrock und Hut gelassen?«
»Ich weiß es nicht, ... ich glaube, sie liegen vor dem Gasthaus, irgendwo im Schnee ...«
»Gehen Sie schleunigst nach Hause und legen sich zu Bett ... Ihre Sachen werde ich holen und sie Ihnen morgen übergeben. Gute Nacht.«
Am nächsten Tage hatte der Mönch eine kurze, geheime Unterredung mit dem Dekan und dieser reiste bald darauf nach Salzburg ab.
Elftes Kapitel
In einem engen Gäßchen der Grenzstadt Kufstein stand (oder steht heute noch) ein kleines, winkliges, baufälliges Haus. Von außen machte es mit seinem verwitterten Aussehen und den winzigen Fenstern einen traurigen Eindruck, und was hinter dem schwarz angestrichenen Tore zu finden war: die niedrigen Zimmer, die schmale Wendeltreppe, die allenthalben herrschende Licht- und Luftarmut, war nicht danach angetan, den ersten schlimmen Eindruck zu verwischen.
Vor vielen, vielen Jahren konnte man hinter einem dieser Fensterchen Tag um Tag ein blasses, kleines Mädchen stehen sehen: immer allein; sie spielte und lachte niemals und hielt stets einen Strickstrumpf oder ein Gebetbuch in der Hand. Vergangen waren die Jahre, das Kind war groß, war alt geworden und saß heute, als Matrone, hinter dem Fenster in einem alten Großvaterstuhl und die jetzt welken Hände hielten, wie ehedem, eine Strickerei oder ein Erbauungsbuch. Außer mit ihrer Tochter, deren Söhnlein und Schwiegereltern und einigen greisen Priestern verkehrte die alte Frau mit niemandem. Eine Magd, so alt wie sie selber, bediente sie schon seit vierzig Jahren. Mit dieser Magd ging sie tagtäglich zweimal in die Kirche, wöchentlich einmal zur Beichte und Kommunion, und daheim arbeiteten oder beteten die zwei alten Frauen. Die Herrin sprach wenig und lachte niemals. Ein harter, starrer Zug lag auf ihrem hageren Gesicht, – ein Zug, der von einem harten und starren Leben erzählte.