An einem wetterwendischen Apriltage saß die alte Frau wie gewöhnlich an ihrem Fenster; doch nicht wie sonst mit Beten oder einer Handarbeit beschäftigt. Ihre Hände ruhten gefaltet im Schoße und in ihrem starren Gesichte kämpfte etwas, das einer unterdrückten Bewegung glich.

Auf dem Sofa kniete ihr Enkel, ein schlanker, etwa siebenjähriger Knabe, der Kartenhäuser aufbaute. Ein feiner Junge war's, blond und rosig, mit einem klugen Gesichtchen und hellen Augen. Die Brauen ernsthaft gefaltet, die Lippen wie zum Pfeifen gespitzt, baute und baute er und blickte zornig auf, wenn seine jugendliche Mutter, die in seiner Nähe stand, eine Bewegung oder einen Schritt zu machen wagte. Mit einem halb spöttischen, halb gutmütigen Lächeln sah die Mutter seiner kindlichen Beschäftigung zu. Sie war von zarter Gestalt und auf ihren intelligenten Zügen lag selbstzufriedene Heiterkeit. Das blonde Haar und die blauen Augen hatte der Knabe von ihr geerbt. Die junge Frau trug ein schwarzes Kleid, um den Hals hatte sie eine Kette hängen, an der ein goldenes Kreuz befestigt war, und an ihren weißen Händen glänzte kein anderer Schmuck als der glatte Ehering. Trotz der matronenhaften Kleidung machte sie mit ihrem lichten Haar und Teint, mit ihren lachenden Augen und Lippen, einen, man möchte sagen, hellen Eindruck. Das Leben war ihr hold gewesen; was es ihrem Hause Übles gebracht, war auf Vater, Mutter und Bruder gefallen, – sie aber war stets verschont geblieben und hatte sich darum über das Ungemach der Angehörigen immer schnell zu trösten gewußt. Das Schicksal war ihr guter Freund und so zeigte sie ihm auch stets ein heiteres Gesicht.

Mit verhaltenem Lachen beobachtete sie das Söhnlein und stieß mit dem Fuß an den Tisch ... Das künstlich aufgebaute Kartenhaus stürzte ein; blutrot wurde der Knabe und fuhr erbost in die Höhe, ... die Mutter aber brach in ein Gelächter aus, packte den Kleinen beim Kopf und küßte sein blondes Haar.

»Nun ist's genug,« sagte sie. Ihre Stimme klang hell und angenehm. »Wir müssen Ordnung machen. Der Onkel kann jeden Augenblick kommen.«

Sie raffte die Karten zusammen und legte sie in die Tischlade; dann zupfte sie den Matrosenanzug und die Krawatte des Knaben zurecht und strich sein Haar glatt.

»Jetzt bist Du fein, Albert,« sagte sie. »Freust Du Dich schon auf den Onkel?«

»O ja,« sagte Albert ziemlich gleichgültig.

»Erinnerst Du Dich noch seiner?«

»O ja,« antwortete das Kind in gleichem Tone.

»Stell' Dich ans Fenster, und wenn Du den Onkel kommen siehst, sag es uns; hörst Du?«