»Küsse dem Herrn Vikar die Hand,« sagte sie mit komischem Pathos und lehnte sich schmeichelnd an die Schulter des Bruders. »Ich bin nicht wenig stolz auf Dich, Georg! Erst dreißigjährig und schon Vikar! Hast Du Dich recht gefreut über Deine Beförderung?«
Er bejahte die Frage; und die Schwester fing mit dem ihr eigenen praktischen Sinn an, ihn auszuforschen: »Wo liegt das ... Keßten? Ist das Vikariat einträglich? Die Gemeinde groß? Wirst Du Dich besser stehen denn als Kooperator? Und wie ist's mit den Ausgaben? Du mußt Dich doch als Vikar von A bis Z einrichten ...«
Es ergab sich, daß er von alledem wenig wußte. Keßten wäre, so glaubte er, ein kleines und armes Dorf und das Vikariat wahrscheinlich wenig einträglich. Was den Hausrat anbelange, so hätte er bereits Anstalten zu dessen Herbeischaffung getroffen. »Ich bin jedoch überzeugt,« setzte er hinzu, »daß ich vieles und vielleicht das Nötigste vergessen habe. Bis heute hatte ich mich um diese Dinge nicht scheren müssen, ... mit der Zeit aber werde ich das Wirtschaftführen wohl erlernen.«
»Ich will auf ein paar Wochen zu Dir kommen und alles in Ordnung bringen,« sagte die Schwester. »Ohne den Beistand einer Frau seid Ihr Männer wie verloren.«
»Das ist wahr,« sagte er zerstreut und hob eilig von anderen Dingen zu sprechen an. Sie mußten erzählen, wie sie lebten, was sie trieben. Die Mutter sprach wenig; sie hatte sich wieder ans Fenster gesetzt und beobachtete schweigend die Kinder und den Enkel. Die junge Frau hingegen war sehr redselig; sie sprach viel von sich, von ihren Schwiegereltern und wie sie diese durch scheinbare Sanftmut zu beherrschen wüßte, von ihrem Söhnchen, das erstaunlich gut lernte; auch von gemeinsamen Bekannten erzählte sie und schonte die Abwesenden nicht immer; aber ihr Spott war gutmütiger Art; sie war viel zu glücklich, um wirklich böse sein zu können.
Mittlerweile hatte die alte Magd den Koffer und die Reisetasche des Geistlichen in das Zimmer getragen. Harteck öffnete den Koffer und packte verschiedene Gegenstände aus; er hatte den Seinen Geschenke mitgebracht: dem Kinde Bücher und Spielsachen, der Schwester Schmuck und anderen Toilettentand, der Mutter einen Christus aus Ebenholz und ein Marienbild; sogar die alte Magd hatte er nicht vergessen und händigte der Überraschten einen Kleiderstoff und eine Schürze ein.
»Wie gut Du bist, Georg!« sagte seine Schwester und küßte ihn und der kleine Neffe sah den geistlichen Onkel zum erstenmal freundlich an. »Jetzt aber wollen wir etwas essen ... Du bist gewiß hungrig.«
Die Magd deckte den Tisch und trug Kaffee, kaltes Fleisch, Backwerk und süßen Wein auf. Georg führte seine Mutter zum Sofa und setzte sich neben sie. Die alte Frau blickte ihn an. »Georg!« sagte sie in fast strengem Tone.
»Was gibt es?« fragte er leicht erschreckt. Er kannte diesen Ton von Kindheit auf. »Habe ich etwas nicht recht gemacht?«
»Du setzest Dich nieder zu Speise und Trank und betest nicht vorher? Ist das nicht Sitte im Hause Deines Dekans?«