Die junge Frau, die mit der genauen Besichtigung der vom Bruder erhaltenen Geschenke beschäftigt war, blickte die Mutter mit einem Lächeln an, zuckte die Achseln und legte die verschiedenen Sächelchen auf den Tisch.

»Nun, ... was weiter?« fragte sie.

»Ich habe mit Deinem Bruder zu sprechen.«

»Mutter, ich will nicht hoffen ...«

»Was?« unterbrach die alte Frau ihre Tochter mit scharfer Stimme. »Ist es so weit gekommen, daß ich mir von meinen Kindern vorschreiben lassen muß, was ich sagen darf oder für mich behalten muß? Du hast Dich arg verändert, Anna. So lang Du noch Mädchen warst und mich brauchtest, warst Du die Demut selber; aber nun, da Du selbständig und vermögend bist ...«

»Ich sage ja nichts,« fiel Anna ihr beschwichtigend in die Rede. »Ich wollte nur bemerken, daß Du unseren Georg, den wir so lange nicht gesehen haben, nicht plagen solltest, ... sonst vergeht ihm auf immer die Lust, uns zu besuchen.«

»Die Mutter wird mich nicht kränken wollen,« sagte Georg sanft und bittend, »nicht wahr, Mutter, nein?«

»Gewiß nicht,« sagte diese, unsicher gemacht. Dieser sanfte, ergebene Ton mahnte sie an die Zeit, da Georg noch ein Kind war. »Wir sind einander lang fern gewesen, mein Sohn,« fuhr sie fort. »Ich freue mich, Dich endlich einmal wiederzusehen. Es ist schön von Dir, daß Du zu uns gekommen bist, und ich nehme dies zum Zeichen, daß Du mit reinem Herzen wiederkehrst und Dich endlich wieder für würdig hältst, ein Diener des Herrn zu heißen.«

»Da haben wir es!« murmelte Anna. »Dachte ich's doch!«

»Schweige – Du!« rief die alte Frau streng. Die Tochter hob abermals die Schultern in die Höhe, langte nach einer Stickerei und fing zu sticken an. »Um die Zeit nicht gänzlich zu verlieren,« dachte sie. Georg betrachtete die schlanken weißen Fingerchen, die gewandt Stich an Stich reihten und kein einziges Mal fehlten. O! sie war sicher in allem, was sie tat, die kluge Schwester, ... war niemals irre gegangen, weder in großem noch in kleinem. Er beobachtete auch ihr Gesicht. Augenblicklich prägten sich in ihren Zügen Langeweile und Ärger aus ... Ahnte die Schwester, daß unangenehme Dinge zur Sprache kommen würden? An seiner Seite hob die klanglose Stimme der Mutter abermals zu sprechen an: »Du brauchst mich nicht anzusehen, Georg; antworte mir bloß; sag mir, daß Du wieder rechtschaffen geworden bist, daß Du jenes ... jenes Mädchen vergessen hast ...«