»Wozu davon sprechen, Mutter?« fiel er müden Tones ein.
»Ich muß. Ich habe so viel um Dich gelitten, mich so bitter geschämt deinetwegen ...«
Sie hielt inne. Er rührte sich nicht.
»Laß ihn doch in Frieden,« sagte Anna. »Er war einmal in seinem Leben verliebt: gut. Es tut ihm leid und er wird es künftighin bleiben lassen, und damit sei die Sache abgetan.«
Sie blickte den Bruder blinzelnd an; der aber sah starr vor sich nieder.
»Das Kleid, das er trägt, erlegt ihm das Opfer auf, den sogenannten Freuden der Welt zu entsagen,« fuhr die Mutter zur Tochter gewendet fort. »Ist das zu viel verlangt? Ich bin niemals glücklicher und ruhiger gewesen als in der Zeit, wo ich vom Treiben der Welt so viel wie nichts wußte. Meine Eltern waren schon alt, da ich noch ein Kind war. Sie liebten die Ruhe, und um sie nicht zu stören, verkehrte ich niemals mit Altersgenossen, blieb immer zu Hause und verließ es bloß, um in die Kirche oder in die Schule zu gehen. Wehe mir, wenn ich gelärmt, gemurrt oder einen Wunsch zu äußern gewagt hätte! Ich habe nie getanzt, mich nie geschmückt, niemals etwas von der Welt gesehen. Und doch bin ich glücklich gewesen, – damals. Mein Unglück begann erst dann, als ich in frevelhafter Vermessenheit meinen Eltern den Gehorsam zu kündigen wagte. Gott hat mich schwer, doch gerecht dafür bestraft.«
Anna seufzte und stickte emsig darauf los. Sie hatte das alles schon unzählige Male gehört. Der junge Priester stierte gedankenlos vor sich hin.
»Ich habe Euren Vater geliebt,« sprach die alte Frau weiter. »Wehe mir, daß ich es tat! Er war meiner Liebe nicht wert. Ich heiratete ihn gegen den Willen meiner Eltern und sah zu spät ein, daß sie recht gehabt, daß ich mich einem Unwürdigen vermählt hatte. Euer Vater hat mich nie geliebt. Er war ein leichtsinniger Mensch, ein Tunichtgut. Meine Eltern besaßen dieses Haus und ein kleines Vermögen, ... und darum, der Herr verzeihe es ihm! hat er mich geheiratet. Indessen klage ich nicht ihn, sondern einzig und allein mich selber an. Ich hätte meinen ehrwürdigen Eltern gehorchen und entsagen sollen. Ich tat es nicht; feige gab ich dieser sündigen Liebe nach und sie wurde mir – gerechterweise – zum Fluche. Ich habe viel, viel gelitten. Meine Eltern starben plötzlich, mein Mann gewöhnte sich das Trinken an und die Kinder, die ich unter unsäglichen Schmerzen gebar, lebten stets nur einige Wochen; außerdem drohte Verarmung, vielleicht Schande, ... es war eine böse Zeit. Gott hatte seine Hand abgezogen von mir, weil ich meinen Eltern ungehorsam gewesen war und dadurch das vierte Gebot verletzt hatte. Mir sollte und durfte es auf Erden nicht wohl ergehen. Wodurch den Herrgott versöhnen? Darüber sann ich immerwährend nach, ... ganze Nächte lang wachte ich und betete und flehte ihn an, mich zu erleuchten. Da gab er mir ein Zeichen. Abermals regte sich unter meinem Herzen ein junges Leben. Ich ging eines Tages auf der Straße und grübelte, wie immer, über das eine nach: was tun, um Gott milde zu stimmen; ich dachte auch an das Kind, das in meinem Schoße schlief und fragte mich, wie ich es wohl erziehen und zu welchem Berufe ich es bestimmen sollte, um einen rechtschaffenen, Gott wohlgefälligen Menschen aus ihm zu machen. Ich kam just an einer Kirche vorbei, als ich so dachte, und in diesem Augenblick trat mir ein Priester entgegen. Das war ein Zeichen von Gott! Das sollte ich aus meinem Kinde machen. Beglückt und gehoben ging ich nach Hause und leistete in meinem Herzen den Schwur, daß mein Kind, falls es ein Knabe sein und am Leben bleiben würde, dem Dienste des Herrn geweiht und Priester werden sollte. Wenige Monate später gab ich einem Sohne das Leben und von dieser Stunde an ging alles besser.«
Abermals trat eine Pause ein. Anna warf den Kopf zurück und reckte die Glieder, um die immer mehr überhand nehmende Schlafsucht abzuschütteln. Georg saß unbeweglich.
»Wohl waren wir arm,« setzte die Mutter ihre Rede fort. »Aber ein würdiger Priester nahm sich unser an und versprach, für meines kleinen Georgs Erziehung Sorge zu tragen. Euer Vater veränderte sich; er gewann Euch lieb, Dich, Georg, und die kleine Anna, die ich drei Jahre später gebar. Vielleicht würde er, Euch zuliebe, noch ein ordentlicher Mensch geworden sein, wenn Gott ihn nicht abberufen hätte. Doch Gottes Wille geschehe! Er weiß am besten, was uns frommt! Nach Eures Vaters Tode erzog ich Euch nach meinem besten Wissen und Gewissen: Dich, Georg, zu einem braven Priester und Anna zu einer sittenreinen Jungfrau. Gott segnete meine Bemühungen und ließ Euch gehorsame Kinder bleiben, bis die furchtbare Stunde kam, die meinem Leben ein Ende zu setzen drohte und in der mein Sohn mir in frevelhaftem Hochmut erklärte, daß er nicht Priester werden könnte ...«