Jetzt fuhr Georg auf. Zum erstenmal schaute er der Sprecherin in die Augen.
»Mutter,« sagte er – seine Stimme klang seltsam hart – »ich habe Dir Deinen Willen getan. Ich trage den Priesterrock. Laß Vergangenes vergangen sein. Es ist nicht gut, mich daran zu erinnern.«
»Noch immer der alte Trotz!« sprach sie murmelnd.
»Ich bin nicht trotzig,« entgegnete er und erfaßte ihre Hand, »bin es niemals gewesen. Erinnere Dich nur. Als kleiner Knabe schon konnte ich nicht ertragen, daß Du mir zürntest, und immer kam ich freiwillig, Dich um Verzeihung zu bitten, und wenn Du sie mir vorenthieltest, weinte ich mich halb zu Tode ... Ich mag viele Fehler haben, aber trotzig bin ich nicht ... Ich trage niemandem etwas nach und will mit denen, die mir teuer sind, in Frieden leben ... Ist es nicht so? War es nicht immer so? Ich rufe Anna zur Zeugin auf, ob ich recht habe oder nicht.«
»Natürlich hast Du recht,« sagte die Schwester, ohne das Haupt zu erheben. »Ich weiß wirklich nicht, was der Mutter einfällt.«
»Ich aber weiß es,« entgegnete die alte Frau mit starker Stimme. »Wenn Du nicht Priester wärest, würde ich schwächer sein ... So aber gehörst Du nicht mir, nicht Dir, nicht irgendeinem Menschen, sondern Gott allein. Du hast die Schuld Deiner Eltern zu sühnen durch ein tadelloses, echt priesterliches Leben. Nicht um unser armseliges Erdenglück handelt es sich, sondern um unser aller Seelenheil. Ich habe Dich Gott zum Opfer gebracht; ihm darfst Du nicht halb, – ganz mußt Du ihm gehören, mußt ihm dienen mit allen Deinen Kräften. Ist das so schwer? Als ich vernahm, daß Du mit der Dienstmagd Deines Pfarrers ein sündhaftes Verhältnis unterhieltest, sagte ich: ›Der alte Fluch ist wieder da; wir sind und bleiben hier und dort verdammt.‹ Unglücklicher Mensch! Meinst Du, Gott auf solche Weise zufrieden zu stellen? Alle Deine Vorgesetzten tadeln Dich, ... weshalb? Weil Du immer weltlichen Gelüsten nachhängst und Dich nicht entschließen kannst, einzig und allein Deiner erhabenen Aufgabe zu leben ...«
Georg stand auf.
»Ich gehe und komme nie wieder, wenn Du auf solche Art zu mir sprichst,« sagte er. »Ich bin Dir zuliebe Priester geworden ... Mutter!« unterbrach er sich und faßte sie erschreckt bei den Schultern.
Sie war blaß wie der Tod.
»Mir zuliebe!« sagte sie tonlos wie eine Sprechmaschine. »Nicht Gott zuliebe!«