So furchtbar blaß hatte er sie schon einmal gesehen, – damals, in jener Stunde, wo er ihr gestanden hatte, daß er nicht Priester werden könnte. Alles kam wieder, – o! so lebhaft, so deutlich, als ob es erst gestern geschehen wäre; zuerst die Kindheit, das ewige Beten und Kirchengehen ... Damals war er gläubig gewesen, damals hatte ihn der Gedanke, dereinstens am Altar zu stehen, mit stolzer Freude erfüllt; und dann später – er hatte seine Studien nahezu vollendet – wie war es gekommen? Plötzlich zerriß etwas in seiner Brust. Im Anfang wollte er's nicht glauben, wollte die Stimme in seinem Herzen ersticken, wollte sich einreden, daß er denke und fühle wie ehedem, ... umsonst! Der Zweifel wuchs, wurde zur Gewißheit, er konnte sich nicht länger belügen, und nach schweren Kämpfen, nach vielen langen, durchweinten und durchwachten Nächten wagte er, der Mutter zu gestehen, was in seinem Inneren vorgegangen, ... daß nichts ihn antreibe, Priester zu werden, daß er sich über sich selbst getäuscht hätte und daß er Priester nicht werden könne. Sie hatte ihn starr angesehen und war so blaß geworden, daß es ihn kalt überlief, und dann war sie, ohne die Lippen zu öffnen, umgesunken und hatte stundenlang wie tot gelegen. Und die Schwester, die Magd, der Priester, der ihn hatte erziehen lassen, hatten geschrieen, geheult und ihn einen Muttermörder genannt, ... und in seiner Verzweiflung, seiner Kindesliebe hatte er schluchzend gelobt, ihr gehorsam zu sein in allem, nur möchte sie wieder die Augen aufschlagen, ihn noch einmal ansehen ... Und so war es denn geschehen; sie war wieder erwacht und er war Priester geworden. Sie konnte ruhig sein: das Seelenheil aller war gerettet.
Er trug ihr nichts nach. Wußte er doch, daß sie von einem starren Irrwahn, von einer fixen Idee geleitet, dieses Opfer von ihm gefordert hatte. Der Sohn war ihr die Leiter, die sie und alle in den Himmel führen sollte ... Aus tiefster Überzeugung hatte sie ihn dieses Opfer bringen lassen. In ihren Augen war es ja kein Opfer; sie dankte es ihm nicht einmal. Niemals keimte in ihrem Herzen ein Zweifel auf, ob sie auch recht an ihm gehandelt, niemals machte sie sich den leisesten Vorwurf. Das wußte er. Deshalb empfand er auch heute keinen Groll wider sie; er würde sie nie bekehren, nie anderen Sinnes machen, sie nie zu Mitleid oder Reue bewegen. Er konnte sie durch Widerspruch erbittern, ... das war alles, und das wollte er nicht. Wozu wohl auch? Sein Leben war nun einmal verspielt, ... mochte er allein darum wissen! Das Opfer war nun einmal gebracht, ... mochte wenigstens ein Mensch sich darüber freuen. Er nahm die alte Frau bei der Hand und sprach in sanftem Tone: »Du hast mich mißverstanden, liebe Mutter, oder, besser gesagt, meine Empfindlichkeit hat mich zu einer Äußerung hingerissen, von der mein Herz nichts weiß. Deine Anklagen sind berechtigt; nicht immer bin ich so gewesen, wie ein Priester sein soll, ... aber ich verspreche Dir, daß ich mich bessern will. Habe Geduld mit mir. Daß mir ein leidenschaftliches Herz zu teil wurde, ist nicht meine Schuld ... Ich will alles tun, um Herr dieses Herzens zu werden. Die Jugendzeit liegt bald hinter mir und mit der Jugend sterben auch die Leidenschaften ... Ich werde die eine und die anderen bald begraben.«
Er küßte die Hand der Mutter und trat zum Fenster hin. Anna folgte ihm mit den Augen, schüttelte den Kopf und blickte die Mutter, die mit gefalteten Händen und sich leise bewegenden Lippen dasaß, ärgerlich und vorwurfsvoll an. Weshalb ewig an Dinge rühren, die nun einmal nicht zu ändern waren? Die Mutter war auch gar zu schwerfällig ... Warum faßt sie alles so ernst und gewichtig auf? Und Georg könnte sich endlich auch in sein Los finden, ... was ging ihm, genau besehen, ab? Sie waren arm gewesen, seine Erziehung hatte auf diese Weise nichts gekostet, er war versorgt ... Wenn sie gewußt hätte, daß sie sich so vorteilhaft verheiraten würde, hätte sie vielleicht für ihn Partei genommen, hätte die Mutter umzustimmen versucht; das aber hatte sie nicht voraussehen können. Mochte er sich denn in Gottes Namen zufrieden geben! Weshalb sich und anderen das Leben so schwer machen? Weder Mutter noch Bruder verstanden die Kunst, zu leben ... Sie, Anna, war immer zufrieden und heiter; warum nahmen sie sich nicht ein Beispiel an ihr?
Sie rollte ihre Stickerei zusammen und erhob sich.
»Es dunkelt schon,« sagte sie. »Der Kleine und ich müssen uns auf den Heimweg machen. Wann wirst Du uns besuchen, Georg?«
»Morgen, wenn es Dir recht ist,« sagte er, zum Tisch zurückkehrend.
»Vortrefflich. Vielleicht wollt Ihr bei uns speisen, Du und die Mutter?«
Sie nahmen die Einladung an. Anna rief ihren Knaben, und Georg gab den beiden bis an die Treppe das Geleite. Dort hieß Anna den Kleinen vorausgehen und legte schmeichelnd die Hand auf den Arm des Bruders.
»Wie schön und interessant Du aussiehst!« sagte sie. »Ich begreife, daß Du einem Mädchen den Kopf verdreht hast ... Wann erfolgt Deine Installation als Vikar?«
»In acht Tagen.«