»Du wirst dort ganz allein sein, ... ohne einen Hilfsgeistlichen?«

»Ganz allein.«

»Nun, dann steht Dir nichts mehr im Wege ... Du kannst tun, was Du willst.«

»Wie meinst Du das? Was soll ich tun wollen?«

»Ich meine, daß Du jetzt Dein Mädchen ins Haus nehmen kannst ... Du bist Dein eigener Herr und brauchst das Naserümpfen Deiner Vorgesetzten nicht mehr zu befürchten.«

Georg staunte ein wenig über diese naive Unverfrorenheit. Indessen faßte er sich schnell und sagte lachend: »Ich danke Dir für den guten Rat. Leider kommt er zu spät. Das Mädchen, von dem Du sprichst, ist längst verheiratet.«

»So?« sagte sie gedehnt. »Wie schade! ... Hast Du sie sehr lieb gehabt?« setzte sie hinzu und ihre lichten Augen blitzten ihn spöttisch und neugierig an.

Verlegen kehrte er das Gesicht weg. Das rücksichtslose Schwesterlein war ihm viel peinlicher als die strenge Mutter.

»Jetzt schämt er sich, der hochwürdige Herr!« rief Anna mit hellem Lachen. »Adieu! Ich schenke Dir die Antwort. Albert, bist Du unten? Ich muß ihm nach, sonst begeht er irgendeinen Unsinn. Also, – auf morgen. Ich küsse die Hand, Hochwürden.«

Sie tat es im Ernste und enteilte mit graziösen Schritten, noch immer lachend. So hatte sie sich stets von ihm loszumachen gewußt, – mit einem Scherzwort und Lachen, wenn er zögernd versucht hatte, ihr sein Herz zu öffnen. Sein Sinneswechsel war ihr unbequem gewesen; aus Habsucht, aus Furcht vor häuslichen Szenen und Erörterungen und Störungen, aus kleinlicher Eitelkeit hatte sie sich immer taub gestellt, hatte seine schüchternen Anspielungen nicht verstehen wollen und der Mutter in allem recht gegeben, ... nicht aus Überzeugung, bloß aus Bequemlichkeit. Es macht sich gut, einen Priester in der Familie zu haben, das verleiht so armen Leuten ein gewisses Ansehen und eröffnet ihnen mancherlei Hilfsquellen, ... das war es gewesen. Und falsch war sie obendrein gewesen, diese blonde, rosige Schwester ... Nicht einmal, hunderte Male hatte sie schmeichelnd und liebkosend zu ihm gesagt: »Laß es gut sein, Georg, ... ich werde zu Dir, in Deinen Pfarrhof, ziehen und Deine Wirtschaft führen, ... nie, nie werde ich heiraten, denn nie werde ich einen Mann so lieb haben wie Dich ...« Alles, alles falsch, jedes Wort erlogen; sie hatte es nur gesagt, weil sie wußte, wie sehr er an ihr hing, wie schwärmerisch er sie liebte ... Er hatte ihr geglaubt – damals –, hatte sich dieses geschwisterliche Zusammenleben so schön und friedlich ausgemalt und sich, in der Hoffnung darauf, halb und halb mit seinem Lose ausgesöhnt. Wie mochte sie ihn ausgelacht haben, ihn, der alles glaubte, weil er selbst niemals log! Sie hatte ihn besänftigen, zum Nachgeben bestimmen wollen, alles hatten sie angewendet, um sein weiches, allzu zärtliches Sohnes- und Bruderherz zu besiegen, ... und nun? Tadel, Unzufriedenheit von der einen, Gleichgültigkeit und Spott von der anderen Seite, – das hatte er erreicht. Er stützte sich auf das Treppengeländer, blickte abwärts und dachte, dachte, dachte ... Erst als er die Stimme seiner Mutter rufen hörte: »Wo bleibst Du, Georg?« schreckte er aus seinem trüben Sinnen empor, antwortete: »Ich komme schon,« und kehrte langsamen Schrittes zu der alten Frau zurück.