»Er geht ja ohnedies,« sprach Paula in bitterem Tone. »Es hat ihnen keine Ruhe gelassen, als bis sie ihn abermals aus der kaum gefundenen Heimat treiben konnten ... In Gottes Namen!« Sie wendete sich zum Gehen. »Leb wohl Vater; ich muß fort.«
»Wann kehrst Du zurück?«
»Mit dem Abendzug komme ich wieder.«
Er ließ sie gehen. Sie begab sich in ihr Zimmer, zog ihren Mantel an und setzte ihren Hut auf, trug der kleinen Schwester auf, artig zu sein, erteilte der Magd einige Weisungen und verließ sodann das Haus.
Das Wetter war trübe und kalt; einzelne Regentropfen fielen vom Himmel und die blasse Aprilsonne verkroch sich hinter die Wolken. Langsam schritt Paula dem Bahnhof zu, löste an der Kasse eine Fahrkarte und wartete in der Halle auf das Kommen des Zuges. Nach zehn Minuten traf er ein. Paula stieg in ein leeres Coupé, und als der Zug sich neuerdings in Bewegung setzte, ließ sie ein Fenster herab und blickte hinaus auf die Gegenden, an denen der Zug vorüberbrauste. Berg reihte sich an Berg, ein jeder anders gebildet, ein jeder schön; Hügel kamen und Wiesen, Dörfer, Kirchen, Kapellen tauchten auf und verschwanden. Paula schaute alles an, was sich da zeigte und rasch wieder unsichtbar wurde, und versank in Nachdenken.
Sie dachte an das, woran sie immer dachte, Tag und Nacht, ununterbrochen. Daß das Gehirn nicht stumpf und müde wird, wenn es immer und ewig denselben Gedanken durcharbeiten muß! Paula legte die Hand an die schmerzende Stirn. Wer hätte das jemals geglaubt! Was, was war aus ihr geworden! ... Diese schönen Berge! Ja, wer so stark, so groß sein könnte wie sie. Dieser weite, endlose Himmel! Diese friedlichen, kleinen Kirchen, der Trost so vieler Menschen, die Zuflucht der Verarmten! Ihr waren diese Kirchen ein Bild des Schreckens; sie wuchsen empor, riesengroß, und ihre steinernen Mauern, ihre Türme und Glocken, ihre Altäre und Heiligenbilder drängten sich zwischen ihr Herz und ein anderes, ihr so namenlos teueres Herz ... Noch vier Tage, nur noch vier Tage und dann ... Gott im Himmel! Ist's nicht genug, daß Du den Tod eingesetzt hast, muß auch noch das Leben kommen, um die Menschen voneinander zu reißen!
Sie hatten nichts verbrochen. Daß er sie, sie ihn liebte, ... wen kümmerte das? Seit der Neujahrsnacht hatten sie sich kaum gesprochen, oft tagelang nicht gesehen. Aber sie wußten doch, daß sie einander nahe. Nun werden bald Berge zwischen ihnen liegen; sie wird ausgehen und ihn nirgends finden, – und er, – wie wird er leben können ohne sie? Ein Blick, ein Wort, ein Gruß, – das alles ist so viel, wenn man liebt, – und alles entbehren müssen, alles, bis auf das kleinste ... Du gehst fort und ich bleibe hier ... Unerträglich! Unmöglich. Und dennoch wird es getragen sein müssen, wird getragen werden und das Leben wird den alten Gang gehen. Das war es eben. Ja, wenn man sterben könnte. Aber nein. Das Leben bleibt, ... keine Sorge! Das geht nur dann, wenn man es lieb hat ...
Der Zug hielt bei einer kleinen Station. Ein alter Kapuzinermönch bestieg das Coupé, wo Paula saß, und ließ sich in der Nähe des jungen Mädchens nieder. Sie dankte seinem stummen Gruß und betrachtete ihn. Er sah armselig und bekümmert aus, sein Haar und Bart waren ungepflegt, sein Auge blickte traurig. »Hat man auch Dich gezwungen, Mönch zu werden?« dachte Paula. Aufs neue starrte sie zum Fenster hinaus.
Was für ein herrlicher Mensch er geworden wäre, wenn sie ihn seinen eigenen Weg hätten gehen lassen! Er besaß nicht einen hervorragenden Fehler. Vielleicht daß er zu weich, zu schwach gewesen war, ... aber wer weiß, mit welchen Mitteln sie auf ihn eingewirkt und ihn zum Nachgeben gezwungen hatten. Er war ja sonst kein Schwächling; daß er sich unglücklich fühlte, hatte sie erraten; er selber klagte niemals und klagte niemanden an; immer war er freundlich, gut, teilnahmvoll. Als er eines Tages zu ihr kam und sagte: »Der Vikar in Keßten ist gestorben und ich bin zu seinem Nachfolger bestimmt,« als er bemerkte, was für einen Eindruck diese Mitteilung auf sie ausübte, daß sie sich mit beiden Händen am Tisch festhalten mußte, um nicht umzufallen: da war er stark geblieben, hatte noch zu lächeln und sie zu trösten versucht. »Liebe Freundin,« hatte er gesagt, »versprechen wir uns gegenseitig, daß wir während der kurzen Zeit, die ich noch hier verbringe, den bevorstehenden Abschied mit keiner Silbe berühren wollen, ... er wird frühe genug kommen. Das Heute gehört uns; was morgen erfolgt, kümmere uns heute nicht. Wer weiß, ob wir es erleben.« – »Ja, ja, wir wollen nicht davon sprechen,« hatte sie mit tonloser Stimme erwidert und beide hatten Wort gehalten.
Sie meinte ihn vor sich zu sehen, – so klar stand sein Bild vor ihrem seelischen Blick; seine Art zu grüßen, seinen Gang, seine Bewegungen, – alles glaubte sie zu sehen. Viele seiner Worte fielen ihr ein ... Dichter zog sie den Schleier vor das Gesicht und bedeckte die Augen mit den Händen. Jetzt schaute sie die Kirche ihres Dorfes ... Dort sah sie ihn häufig, denn sie besuchte das Gotteshaus immer, wenn sie ihn drinnen wußte. Er hatte sie einmal darum gebeten und sie hatte ihm noch keinen Wunsch abgeschlagen und würde es auch niemals tun; und doch war es eine Qual für sie, ihn in der Kirche zu sehen. Wie war er dort verändert! Diese eigentümlich unsichere Haltung am Altar und auf der Kanzel, ... und wenn er predigte, wie zaghaft hob er zu sprechen an! Und doch predigte er gut; liebevoll und duldsam. Seine nicht kräftige, sich leicht umschleiernde Stimme drang zum Herzen; er tadelte niemals; höchstens daß er ermahnte, daß er seine Gemeinde bat und beschwor, so zu leben, daß sie dereinstens ohne Furcht Rechenschaft ablegen könnte über ihre Taten ... Augustinus und Thomas von Kempten waren seine Lieblinge; von diesen zitierte er oft wundervolle Aussprüche, erklärte sie, führte sie aus, begeisterte sich daran ... Alle wollten ihm beichten, weil er so gut, so nachsichtig war; so ganz anders als der Dekan und der junge Mönch, ... und das war es eben, was diese ihm nicht verzeihen konnten. Sein Herz, sein innerstes Wesen riefen ihn immer wieder zurück in die Welt, zu den Menschen, zu den Freuden des Familienlebens, ... er verstand und entschuldigte alle Fehler und Schwächen, und deshalb mußte er fort. Dem Kleide nach gehörte er dem Priesterstand an, aber nur dem Kleide nach; sie konnten ihn nicht brauchen; ein unnützes Glied, mußte er abgehauen werden und verschwinden. In jenem abgelegenen Ort, wohin sie ihn verbannten, konnten seine allzu große Duldsamkeit und Menschenliebe nicht viel schaden; dort mochte er verkümmern. Das wollten sie, und so wird es auch geschehen.