Am Fuße des Berges lag ein kleines Dorf. Paula war steif und ausgekältet von der Fahrt, und da sie auch Hunger zu spüren begann, beschloß sie, sich vor ihrer Wanderung ein wenig zu stärken. Sie ließ sich vom Kutscher ein Wirtshaus zeigen und verlangte dort nach Speise und Trank. Die Kellnerin fragte sie, wohin ihr Weg sie führe, und Paula gab abermals die gewünschte Auskunft.
»Nach Keßten!« sagte das Mädchen. »Aber bleiben werdet's net dort?«
»Nein. Ich halte mich bloß ein paar Stunden dort auf.«
»Ah so!«
»Ist denn Keßten ein so schrecklicher Ort?« fragte Paula.
»I' woaß net, ... i' bin nie noch drenten g'west. Aber g'falln' tut's koanem, hab' i' g'hört.«
Paula stellte keine weitere Frage, verzehrte ihr einfaches Mahl, beglich ihre Schuld und machte sich dann auf den Weg.
»Nur immer g'rad' hinauf!« rief die Kellnerin ihr nach. »Es is' nur der oane Weg ... Ös könnt's gar net fehl gehen.«
Paula dankte für die Auskunft und schritt langsam den Berg hinan. Auf dem schmalen Wege lagen halb verfaulte Blätter, rechts und links standen entlaubte Bäume und über allem hing ein grauer, wolkenschwerer Himmel. Manchen Baum hatte der Sturm geknickt, und sie lagen quer über den Weg und ihre dürren Äste raschelten unter dem Fuß der einsamen Wanderin. Um sie herum war es so still, nichts lebte in der noch winterlichen, abgestorbenen Natur, und diese schweigende Trauer senkte sich tief und tiefer in Paulas ahnungschweres Herz. Ihr war zumute, als ob sie weinen, als ob sie jemanden um Hilfe anrufen müßte ... »Warum sind Sie so traurig?« hatte der fremde alte Mönch sie gefragt. »O! Nicht meinetwegen! Meinetwegen nicht, frommer Vater. Hinlegen möchte ich mich auf die nasse Erde, möcht' langsam verhungern, wenn ich dadurch seinen Frieden und sein Glück erkaufen könnte. Aber was Menschen und Bücher auch sagen, – ohnmächtig ist die Liebe; sie kann weinen und fühlen, – aber helfen, ... das ist ihr oft versagt.«
Nach zweistündiger Wanderung hatte Paula den Gipfel des Berges erreicht. Vom raschen Gehen war ihr warm geworden, ihr Herz schlug laut und ihre Wangen glühten. Sie holte tief Atem und schaute in das Tal hinab. Zu ihren Füßen lag das Dorf Keßten. Von zwei Seiten schlossen es rauhe Felsen ein, nach Osten und Norden lag es frei und man erblickte in diesen Himmelsgegenden Wiesen, Wälder und kleine Ortschaften. Das Kirchlein des Dorfes stand außerhalb des Ortes, auf einem schmalen, baumlosen Hügel; die Häuser lagen zerstreut. Waren sie wirklich so klein und armselig oder täuschte die Entfernung? Und welches mochte der Pfarrhof sein? Kein Haus überragte das andere; an keines schloß sich ein Garten an; neben einigen befanden sich wohl kleine Gemüsegärten, aber Bäume und Lauben waren nirgends zu sehen.