»Versäumen Sie nur nicht, die Fenster am Tag offen zu lassen, damit frische Luft in den Zimmern herrsche,« sagte sie und setzte sich erschöpft und mit erhitzten Wangen nieder. »Und am Tag, wo der Herr Vikar ankommt, heizen Sie in den Stuben tüchtig ein ... Es ist noch sehr kalt und der Herr Vikar nicht kräftig.«
Die Frau versprach das alles zu tun und schlug plötzlich die Hände vor das Gesicht.
»Ich kann's noch immer nicht glauben, daß mein guter Herr tot ist, daß ein anderer ...«
Tränen erstickten ihre Stimme.
»Sie haben den verstorbenen Vikar wohl sehr lieb gehabt, nicht wahr?« fragte Paula, das trostlose Gesicht der Frau teilnahmvoll betrachtend.
Diese fing laut zu schluchzen an. »Gott weiß, wie sehr er's verdient hat, daß alle Leut' ihn lieb gehabt haben,« sagte sie endlich. »Er war ein so braver Herr und so wohltätig und geduldig; denn hier zu leben ist keine leichte Aufgabe, meine liebe Fräul'n; aber er hat alles ruhig ertragen, bis zum letzten Augenblick und hat immer noch auf die Armen gedacht ... Und jung war er auch noch, ... bereits erst vierzig Jahre alt und hat schon sterben müssen. Aber es ist ihm immer vorgegangen, daß er bald sterben wird, und wie wir hergekommen sein – das sein nun bereits fünf Jahre her –, hat er zu wir gesagt: ›Leni,‹ hat er gesagt, ›wirst sehen, hier halte ich's nicht lange aus; ich werde es machen wie die anderen, die hier gewesen sein, ich werde bald sterben.‹«
»Warum sagte er: ich werde es machen wie die anderen?« fiel Paula erblassend ein. »Ist denn das Klima hier so ungesund?«
»Sehr, meine liebe Fräul'n. Schauen Sie einmal zum Fenster hinaus; sehen Sie, von zwei Seiten kann der Wind herkommen und Wind haben wir das ganze Jahr. Und schauen Sie sich die Wiesen an, ... nichts als sumpfiger Boden; deswegen kriegen's auch hier so leicht das Fieber. Und die Leut' hier sein arm; viel Kinder haben alle, ... aber sonst gibt es hier keinen Segen. Obst wächst keines und auch kein Getreide, ... die Luft ist so rauh, wir haben einen schrecklich langen Winter und einen so kurzen Sommer, und im Frühjahr schwemmt's den Schnee von den Bergen herunter, daß man verzweifeln könnt'. Ja, mein lieber seliger Herr hat hier nichts Gutes gehabt. Ich bitte Sie, wo alle arm sind, ist der Seelsorger auch arm; in anderen Pfarren muß die Gemeinde dem Geistlichen Abgaben entrichten, an Getreide oder sonst was, ... aber hier! Was sollen die Leut' hergeben, wenn sie selber nichts haben? Wenn ich reden wollt', könnt' ich manches erzählen ... Wir haben oft nicht gewußt, wie einfach wir leben sollen, um drauszukommen ... Und so viele Leut' sind hier alleweil krank und die Häuser liegen nicht beisammen, ... eines da, das andere dort, ... und die Kranken wollen doch, daß der Geistliche sie heimsuchen kommt. Und dann haben die Sappermenter die Kirche noch auf einen Berg hinbaut ... Denken Sie nur, was es heißt, jeden Tag dort hinauf gehen! Bei jedem Wetter. Im Winter war es oft schier unmöglich, ... da hat der Herr sich erst mit einer Schneeschaufel den Weg frei machen müssen, ... die Messe muß halt doch gelesen werden und der Herr hätte es auch nicht anders getan, ... er war so brav. Aber gehustet hat er schon lang und das Fieber hat er auch gehabt, ... und dazu das schlechte Wasser und nur zweimal in der Woche Fleisch, ... und was für eines! Die Leut' haben ja recht, wenn sie den Ort den geistlichen Tod nennen; keiner der Herren ist hier gesund geblieben, ... alle sein lungenkrank geworden und gestorben.«
Ein kalter Schauer kroch durch Paulas Gebein. Lungenkrank geworden, – gestorben, – der geistliche Tod. Ihr war, als ob sich die Zukunft vor ihr öffnete, – groß, schwarz, unerbittlich. Darum also hatten sie ihn hierher verbannt.
»Weshalb wurde Ihr Vikar, der doch ein braver Priester war, gerade nach Keßten versetzt?« fragte sie gedankenlos.