Paula gab darauf keine Antwort.

»Leben Sie wohl,« sagte sie. »Ich habe einen weiten Weg vor mir und kann mich nicht länger aufhalten.« Sie drückte der anderen eine Banknote in die Hand und wehrte die Frau, die ihr die Hand küssen wollte, hastig ab. »Danken Sie mir nicht, ... Sie leisten mir viel größere Dienste, als ich jemals vergelten kann. Vergessen Sie nur nicht, was Sie mir versprochen haben. Seien Sie gut gegen ihn, ... er ... er braucht Teilnahme, ... und leben Sie wohl, leben Sie wohl.«

Rasch eilte sie aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, zum Hause hinaus und lenkte den Schritt nach dem Kirchhof. Unter den ärmlichen Holzkreuzen ragte eine Reihe von Grabsteinen hervor; zu diesen ging Paula hin und las die Inschriften. Da lagen die »Herren« ... Das junge Mädchen kniete neben dem letzten der Gräber nieder, klammerte sich mit beiden Händen an den Stein und starrte auf das Grab. Der Fleck, auf dem sie kniete, war ein Stück ebener, mit Gras bewachsener Erde. Da drunten ruhte niemand; diese Wohnung war noch leer.

Zur selben Stunde saß Georg Harteck mit seiner Schwester am Fenster und plauderte mit ihr. Plötzlich gab es ihm von innen gleichsam einen Stoß und er schüttelte sich, als ob er Fieber hätte.

»Ist Dir kalt?« fragte Anna. »Soll ich das Fenster schließen?«

»Nein,« antwortete er. »Mir lief nur ein Schauer durch den Leib. Es geht schon wieder vorüber.«

»Weißt Du, was das nach dem Aberglauben der Leute bedeutet?« fragte die Schwester mit leisem Lachen. »Daß jetzt jemand auf Dein Grab getreten ist ... So ein Unsinn!«


Zum Tode matt und mit schwerem Herzen erreichte Paula am Abend den Bahnhof. Sie hatte nicht nur den Berg aufs neue übersteigen, sondern auch den Weg vom Fuße des Berges bis zur Bahnstation zurücklegen müssen und kam kurz vor Eintreffen des Zuges an ihrem Ziele an. Ihre Stimme klang erschöpft, als sie jetzt den Schaffner bat, ihr ein möglichst leeres Coupé anzuweisen, und der Mann war gefällig genug, ihr einen Waggon aufzuschließen, in dem sich nur ein einziger Passagier befand. Dieser stand am Fenster und wendete sich um, als er jemanden einsteigen hörte; doch er kehrte dem jungen Mädchen, das still in der entgegengesetzten Ecke Platz nahm, sogleich wieder den Rücken zu, lehnte sich ins offene Fenster und sah neuerdings auf die Gegend hinaus. Paula würde ihren Reisegefährten wahrscheinlich gar nicht beachtet haben, wenn nicht der schwarze, weit über die Kniee reichende Rock und das schwarze Kollare ihr verraten hätten, daß sie mit einem katholischen Priester fuhr. Längere Zeit, vielleicht um irgendeine Beschäftigung zu haben, blickte sie ihn prüfend an. Er war sehr sauber gekleidet, hatte ein Reisetäschchen, an einem Riemen befestigt, um den Leib hängen, und unter seinem schwarzen, runden Hut quoll dichtes, blondes Haar hervor. Auf der Bank neben ihm lagen ein Buch und mehrere Zeitungen.

Der Schaffner zeigte sich auf dem Trittbrett und streckte den Kopf zur Tür herein.