»Wohin fahren Sie, Fräulein?« fragte er.

»Nach St. Jakob,« antwortete Paula und wies ihr Billett vor. Bei diesen Worten drehte der junge Geistliche sich plötzlich um und sah das junge Mädchen flüchtig an. Er war noch sehr jung und sein hübsches, von der Gebirgsluft frisch gefärbtes Gesicht ließ auf Intelligenz, Selbstvertrauen und Entschlossenheit raten; seine graublauen Augen blickten ein wenig kalt und um seinen vollen roten Mund lag ein Zug, der eine gewisse trotzige Härte bekundete. Die Gestalt des jungen Mannes erreichte die Mittelgröße und war schlank, obschon durchaus kräftig. Er machte den Eindruck eines geistig und körperlich gleich gesunden Menschen.

»Hochwürden fahren auch nach St. Jakob?« fragte ihn der Schaffner.

Der junge Geistliche nickte stumm und nahm seine vorige Stellung wieder ein.

Der Schaffner zog sich zurück, ein Pfiff ertönte und der Zug setzte sich in Bewegung.

Von ihrem Mitpassagier war keinerlei Störung zu befürchten und Paula wußte ihm Dank dafür: mit einem Fremden zu sprechen wäre ihr qualvoll gewesen. Im Geiste jedoch legte sie sich die Frage vor, was dieser junge Mann in St. Jakob zu tun haben mochte, ob er bloß auf Besuch käme oder ob er vielleicht Georgs Nachfolger wäre. Sein Nachfolger! Bei diesem Worte erwachte wieder alles: der bevorstehende Abschied, das Nimmerwiedersehen, ... sie sah den häßlichen Ort vor sich, von dem sie kam, den dürftigen Pfarrhof, die arme Frau mit den rotgeweinten Augen, den Gottesacker, die Gräber, ... und die entsetzliche Bezeichnung des Ortes: der geistliche Tod klang traurig wie ein Zügenglöcklein in ihrem Ohre nach ... Wenn sie allein gewesen wäre, würde sie sich auf die Bank gelegt und recht, recht bitterlich geweint haben.

Der junge Geistliche stand noch immer am Fenster und fuhr fort, die Gegenden zu betrachten, obwohl er nicht mehr viel sehen konnte. Der Abend war hereingebrochen, Berg und Tal verschwammen in dunklen Umrissen. Sie waren ihrem Ziel schon nahe, als der junge Mann, des zwecklosen Hinausstarrens müde, seinen Platz am Fenster verließ, sich setzte und nach einer Zeitung griff. Die Lampe im Waggon verbreitete ein nur spärliches Licht und der Geistliche gab das Lesen bald wieder auf. Er fuhr mit der Hand ein paarmal über seine Augen, verkreuzte die Beine, trommelte mit dem Fuß auf dem Boden, sah nach der Waggondecke, den Fenstern, den Bänken und endlich nach Paula. Er hatte jenen eigentümlichen, kalt abweisenden Blick, über den manche junge Geistliche verfügen, sobald sie Frauen ansehen. Sie scheinen dann mit den Augen sagen zu wollen: Gebt Euch keine Mühe; Ihr und wir haben miteinander nichts zu schaffen; für uns existiert Ihr nicht.

Paula war sich bewußt, den Priester längere Zeit fixiert zu haben; sie hatte es ohne Arg, ja, fast mechanisch getan. Jedoch sein scharfer, ans Feindselige streifender Blick belehrte sie, daß er es übelgenommen. Gleichgültig wendete sie die Augen von ihm ab.

Der junge Mann schien unter dem Druck einer großen Ungeduld oder Unruhe zu sein. Paula konnte ihn zwar nicht sehen, weil sie absichtlich vermied, ihn anzublicken; aber sie hörte ihn bald aufstehen, bald wieder Platz nehmen, seine Handtasche auf- und zuschnallen, auf seinem Sitze hin- und herrücken und einige Male seufzen. Die Fahrt dünkte ihn wohl schon lang. Als der Zug endlich in St. Jakob einlief, stand der Geistliche hastig auf, hatte jedoch, trotz seiner sichtbaren Ungeduld, die Höflichkeit, zu warten, bis seine Reisegefährtin ausgestiegen sein würde. Paula verbeugte sich flüchtig, bevor sie das Coupé verließ, der Geistliche lüftete den Hut und damit trennten sie sich.

Auf dem Perron erblickte Paula zwei wohlbekannte Gestalten: ihren Vater und an seiner Hand die kleine Toni. Sie eilte auf sie zu und küßte beide, der Arzt gab ihr den Arm, Toni faßte sie bei der Hand und so schritten sie, in scheinbarer Eintracht, ihrem Heim zu.