Das Abendbrot stand schon auf dem Tisch, im Ofen brannte ein helles Feuer und die Lampe verbreitete im Gemach ein trauliches Licht.
»Du bist gewiß recht müde, hungrig und ausgekältet,« sagte der Vater und half Paula Hut und Mantel ablegen, während Toni mit geschäftiger Eile die Hausschuhe der Schwester herbeibrachte. »Komm, setze Dich, mein Kind; erwärme und stärke Dich.«
In Paulas Augen blitzten Tränen. Dieser liebevolle Empfang rührte sie und erweckte ein Gefühl der Reue in ihrer Brust. Wie sehr vernachlässigte sie diese Menschen, die ihr vor kurzem noch so viel, ja, alles gewesen waren! Sie hatten sich nicht verändert; was aber war mit ihr vorgegangen! Seit vielen Tagen fehlte ihr der Mut, das Bild der Mutter anzuschauen und sie um ihren Segen anzuflehen. Sie wußte, daß die Tote, wenn sie sprechen könnte, jetzt nicht mehr sagen würde: »Ich bin mit Dir zufrieden, Paula.«
Als Toni schlafen gegangen war, stand Paula auf, kniete neben dem Vater nieder und legte die Arme und den Kopf auf seinen Schoß. Er beugte sich auf sie herab und streichelte sanft ihr Haar. Lang, lang blieben beide stumm.
Endlich sagte Paula: »Du fragst mich nicht, wo ich heute war. Ich will es Dir unaufgefordert sagen. Ich war in Keßten. O Vater, der Ort ist greulich. Sie heißen ihn den geistlichen Tod, weil die Luft dort so ungesund und die Seelsorge so beschwerlich ist, daß die Priester über kurz oder lang zugrunde gehen. Du weißt, Vater, daß er ... Herr Harteck, wollte ich sagen, ... nicht stark ist auf der Brust ... Ich beschwöre Dich« ... und sie blickte auf und hob die gefalteten Hände zu ihm empor ... »ich beschwöre Dich, rette ihn. Wenn Du ihn auch nicht liebst, ... so kannst Du doch nicht wünschen, daß er sterben soll!«
»Ich wünsche nichts dergleichen,« versetzte der Arzt. »Was aber vermag ich zu tun? Soll ich mich in die Angelegenheiten mir völlig fremder Personen mengen? Mich um das Schicksal eines Priesters kümmern, der, wie leider allenthalben bekannt ist, meine eigene Tochter liebt? Soll ich zum Dekan gehen und ihn bitten, den Herrn hier zu lassen?«
»Nein, Vater. Daß er gehen muß, ... darein habe ich mich gefunden. Aber nicht dorthin! Nicht an jenen traurigen Ort! Du brauchst ja bloß zu sagen, daß Du, als Arzt, für dringend geboten hältst, daß Harteck nach dem Süden gehe, ... daß die Herren ihn anderswohin versetzen möchten ...«
»Was aber würde der Geistliche dazu sagen? Er hat meinen ärztlichen Rat niemals begehrt und ist, soviel ich weiß, gesund. Ich kann mich ihm doch nicht aufdrängen.«
»Das sollst Du auch nicht. Gib mir nur Dein Wort, daß Du so sprechen wirst, wenn Deine Meinung verlangt werden sollte, ... alles andere überlaß mir.«
»Das verspreche ich Dir gern,« sagte er und strich mit der Hand ihren Scheitel glatt. »Was aber hast Du vor? Ich spreche nicht von mir, bloß von Dir. Du wirst Deinen Ruf, Deine Zukunft, Dich selbst zugrunde richten, armes Kind.«