»Ich habe nichts Schlimmes im Sinn,« antwortete Paula. »Ich gedenke nur Herrn Harteck zu bestimmen, sich von Dir untersuchen zu lassen, – weiter nichts. Ich bereite Dir vielen Kummer, Vater, ich weiß es. Aber Gott ist mein Zeuge, daß ich es nicht mit Willen tue; wenn ich allein elend wäre, würde niemand darunter zu leiden haben, ... am allerwenigsten Du und Toni. Aber daß auch er unglücklich ist, ... das ist es, was mich niederdrückt. Ich bin nun einmal so angelegt, daß ich diejenigen, die mir teuer sind, nicht leiden sehen kann, ohne daß mir das Herz darüber bricht.«

»Du bist jung,« sprach der Arzt. »Ein langes Leben liegt vor Dir. Du wirst vergessen lernen.«

»Niemals,« sagte Paula feierlichen Tones. »Ich werde ihn nie vergessen, Vater.« Sie stand bei diesen Worten auf und reichte ihm die Hand. »Nun gute Nacht,« sagte sie. Er schaute sie an und, von einem inneren Impulse getrieben, warf sie sich an seine Brust.

»Verzeih mir, ... verzeih mir ...«

Er war unfähig, ein Wort hervorzubringen. Stumm hielt er sie an sein Herz gedrückt, – seine Brust arbeitete heftig. Wohl stand ein Schatten zwischen ihm und dem Glück seines Hauses, er sah die Tochter elend und konnte nicht helfen. Aber er besaß doch wieder ihr Vertrauen, offen lag ihr krankes Herz vor ihm, er sah, daß in diesem verirrten Herzen noch Liebe für ihn wohnte und Reue, und er fing aufs neue zu hoffen an, daß alles noch gut werden könnte. Sie, die er in seinen Armen hielt, war die alte, schon verloren geglaubte Tochter; dem Himmel sei Dank! sie war endlich, endlich zum Vater zurückgekehrt.

Dreizehntes Kapitel

Am darauffolgenden Tag gefiel es dem launenhaften April ein freundliches Gesicht zu zeigen. Toni war selig darüber und jagte, einen Reif vor sich hertreibend, über die Gartenwege, während Paula, ein Buch in der Hand, am Geländer stand und abwechselnd auf das Kind und auf die Straße blickte. Alle, die vorbei kamen, grüßten sie, manche blieben stehen und sprachen ein paar Worte mit ihr, und Paula gab allen teilnahmvolle Antwort, – gerade so, wie sie es sonst getan. Auch der junge Schullehrer kam des Weges einher; er zögerte, da er des Mädchens ansichtig wurde, und überlegte, ob er sie anreden sollte oder nicht; sein Gefühl siegte, er blieb stehen und zog errötend den Hut vom Kopfe.

Sie waren einander arg entfremdet; selten sahen sie, noch seltener sprachen sie sich. Er hatte diese Entfremdung niemals besser gefühlt als jetzt, wo sie ihn anblickte und seinen Gruß so höflich und gleichgültig erwiderte, – nicht anders, als ob sie einen wildfremden Menschen grüßte.

»Wie steht Ihr Befinden, Fräulein Paula?« fragte er unsicheren Tones.

»Danke, mir geht es gut. Und Ihnen?«