Hier sehen wir im kleinen und doch so gewaltig-großen Zeugungswunder, daß das Leben sich immer nur aus der verhältnismäßig größten Kraft aufbaut, daß darum der Stärkste und Beste das größte Recht auf Leben und Zeugung besitzt. Der Kampf der Samenzelle um die Eizelle ist wie eine Darstellung des menschlichen Lebenskampfes.
Obwohl das alles so natürlich, so groß und schön ist, hat man dir die Wahrheit nicht sagen wollen, ist alle Welt mit der Geschichte vom Storch, mit Unsicherheit und Verlegenheit, um dich herumgegangen. Warum? wirst du fragen.
Das hat zweierlei Gründe, einen guten und einen schlimmen. Der gute liegt in der Sache selbst. Das Geschlechtsempfinden gehört nicht dem lauten Lärm des Alltags. Der feinfühlende Mensch wird das, was in Schönheit und geheimnisvoller Spannung in seinem Innern aufkeimt, was ihm das Herz zum Springen füllt, und was so viel Sehnsucht in ihm reifen läßt, er wird das alles nicht mit nüchternem, lautem Wort in den Kreis der alltäglichen Dinge ziehen. Dies Geschlechtsempfinden, das soviel ganz Persönliches, soviel unaussprechlich Feines und Zartes in sich birgt, wird dem feinfühligen Menschen sein Allerheiligstes sein, das er der Welt und der Neugierde anderer verbirgt. Darum ist das Geheimnisvolle im Geschlechtsleben eben gerade das Menschliche, die ästhetische Verfeinerung eines im Anfang rohen und wilden Triebes. Diese ästhetisch-geheimnisvolle Umschleierung ist unlösbar mit unserem Glücksbestand verbunden; denn das Geschlechtliche, das zugleich Urgewalt und feinste Kulturblüte ist, enthüllt so sehr das innerst Persönliche eines Menschen, daß es sich nur schwer in Worte fassen läßt. Zwischen starken Empfindungen und ruhig-erklärenden Worten liegt immer ein Widerstreit. Darum rang man nach Worten, um dir die Wahrheit über das Geschlechtliche zu sagen, und schließlich fand man die Worte nicht und darum auch nicht den Mut.
Der andere und schlimmere Grund aber ist der, daß der Geschlechtstrieb in der Allgemeinheit des Volkes überstark und krankhaft geworden ist und sich nun dem Leben und der Persönlichkeit als etwas Feindseliges entgegenstellt. Man fürchtet, ihn durch Belehrung zu wecken, und glaubt, ihn durch Schweigen im Zaume zu halten. Das ist ein Irrtum.
Der große und manchmal so hoffnungslose und traurige Kampf mit dem krankhaft gesteigerten Geschlechtstrieb brachte die tiefe Zweiteilung von „Fleisch“ und „Geist“. Die Sinnlichkeit wurde „Sünde“ genannt. Und sie ist doch nur Natur. Dieses feindselige Denken gegen die Geschlechtlichkeit hat die Prüderei geboren, die ängstlich darüber wacht, daß auch nicht eine Silbe über diese Dinge gesprochen werde, und die doch weiß, daß viel Häßliches geschieht.
Es ist nicht gut, etwas, was in der Natur liegt, für unnatürlich und „sündig“ zu halten; denn damit geraten wir in Zweifel. Und wenn dieses Etwas dann als ein starker Trieb in uns Menschen groß wird, das mit unserem Wesen, unserem Charakter sich verbindet und zuzeiten uns ganz allein auszufüllen scheint, so ist es richtiger, einen festen, klaren Blick dem Geschlechtlichen gegenüber zu behalten, um es zu beherrschen und zu bemeistern, nicht aber ängstlich, prüde und verlegen zu sein, den Trieb für tierisch zu halten und dadurch von einem Konflikt in den andern zu stürzen. Schließe dich nicht dieser unwahren, lebensfeindlichen Denkart an, sondern erkenne im Geschlechtstrieb die Quelle alles Empfindungslebens, erkenne ihn als die Grundmauer des Lebens und die treibende Kraft aller Entwicklung. Sage nicht, daß er tierisch und häßlich und sündig sei, sondern daß durch ihn der Mensch erst wahrhaft Mensch wird, daß durch ihn der göttliche Wille des Schöpfers in jeden einzelnen Menschen gelegt worden ist, und daß gerade im Liebesgefühl und im Liebesleben der Reichtum der Menschennatur sich entfaltet, so wie im Blütensegen des Frühlings die Natur in ihrer Schöpferkraft jubelt.
Verstehe mich nicht falsch! Du sollst dem Geschlechtstrieb stark und ehrlich und mutvoll gerade ins Auge sehen. Sollst ihn erkennen als das Schöpfungswunder der Natur und als die in dich selbst gelegte Schöpferkraft, mit der du dem Willen der Natur dienen sollst. Aber darum darfst du nicht sagen: „Dieser Trieb ist mein Recht! Habt ihr prüde jedes Wort von ihm vermieden, so ist er doch in mir emporgewachsen, und nun lebt er in mir, und ich will und darf ihn betätigen.“
Schau um dich in der Natur! Auch die jungen Bäume treiben Blüten, aber sie tragen noch keine Frucht. In der Natur herrscht ruhige und langsame Entwicklung; denn nur die Ruhe ist Kraft. Alles vorschnell Entwickelte trägt schon den Verfall in sich. Wenn im Geschlechtlichen das Leben sich aufbaut, dann muß auch gerade das Geschlechtliche den Zerfall bringen, wenn es dem Mißbrauch entgegentreibt.
Das ist die große Wunde am Leben der Völker: der Geschlechtsmißbrauch! Daran sind sie zugrunde gegangen, die Kulturvölker des Altertums, und das ist es, was heute noch die Völker zerstört: die Vergeudung der Geschlechtskraft!
Denn Geschlechtskraft ist Lebenskraft! Wer das eine verschwendet, der zerstört das andere. Aus dem Geschlechtsmißbrauch kam die Degeneration in die Völker. Die Geschlechtlichkeit, die der Kraft und dem Aufstieg des Lebens dienen sollte, wurde dem Menschen zum Verhängnis, ja zum Fluch. Die Sünden der Väter wurden heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.