4.
Das „Ich“ und die Freiheit.

Du wirst mir entgegenhalten. „Bin ich, ich selbst, denn gar nichts, daß ich nur aufgehen soll im Ganzen? Daß ich immer nur an die anderen denken soll?“

Ja, du bist, und dein „Ich“ soll stark und stolz dir zum Bewußtsein kommen. Nicht niederdrücken, schwach und zage machen soll dich deine Zusammengehörigkeit zur Familie, zu Volk und Menschheit, nein, aufrecht und freudig sollst du es empfinden; denn in dir verkörpert sich die Familie, in deiner Art erkenne ich ihre Art, in dir lebt die Art des ganzen Volkes, in dir glüht der heilige Funke der Menschheit. Das Leben drängt sich immer wieder, um neu zu erblühen, in eine enge Form, das ist der persönliche Mensch, das Individuum. Der persönliche Mensch ist die höchste Steigerung der Natur, ist der höchste Wille der Schöpfung.

Dieser persönliche Mensch muß frei sein. Damit meine ich nicht jene rohe Freiheit, die sich hinwegsetzt über gesetzliche und gesellschaftliche Schranken. Das ist Willkür und rohes Triebleben. Diese rücksichtslose Freiheit, die da glaubt, alles tun zu dürfen, was ihr in die Sinne steigt, ist doch nur bemitleidenswerte Gebundenheit an die Tiernatur. Ich meine vielmehr jene sittliche Freiheit, die mit einem geschlossenen Willen sich der Gedankenlosigkeit der Menge entgegenstemmt. Die Freiheit, in der im Gehorsam gegen selbstdiktierte sittliche Gesetze der Mensch triumphiert. Diese Überlegenheit über die Gedankenlosigkeit, das stumpfe Triebleben, die oberflächliche Genußsucht anderer, ist wahrhaftig Freiheit, eine Freiheit, die in wichtigen Lebensfragen nur sich selbst befiehlt und gehorcht, keinem andern, am allerwenigsten der Menge. Der Geist muß wach bleiben und muß mit heller, scharfer Kritik über die Regungen der Sinne wachen. Der Gedankenlose verliert sich an die stumpfen und dumpfen Triebe der Menge. Er glaubt dann Freiheit gefunden zu haben und verlor doch nur sein „Ich“, seine Persönlichkeit. Du siehst also, daß das „Ich“ nur triumphiert, wenn es sich selbst Gesetze gibt. Darum darfst du nicht aufgehen in der Menge, die dich hinabzieht, sondern mußt jenen Größten nacheifern, in denen unseres Volkes Art sich am reinsten verkörperte. „Die Menschen leben um des Größten willen,“ sagt Carlyle. In ihnen glüht der göttliche Funke des Menschentums am stärksten. Hast du Vorbilder, so gehst du mit deinem Wollen auf in der Menschheit, im Volk, in der Familie. Du hast damit starke und große Ideale in dein Leben hineingestellt, und diese Ideale werden dich erziehen. So, siehst du, ist das ausgeprägte „Ich“, ist der persönliche Mensch, der höchste Wille zum Guten. Indem du stolz dein „Ich“ erhebst, beugst du dich unter das große Entwicklungsgesetz der Menschheit.

5.
Die Fortpflanzung.

Alles Leben hat nur eine Quelle: die Fortpflanzung. Und sie ist umwoben und durchflochten von der Liebe, von jenem wunderbaren Empfindungsgewoge, das unser Leben schön und glücklich macht; oder auch häßlich und traurig und unglücklich. Wie man's lebt.

Die Natur schuf zwei Geschlechter. Und an dem Gegensatz zwischen männlicher und weiblicher Art erkennst du, wie unbeholfen und roh die Auffassung derer ist, die das Geschlecht nur als etwas Körperliches sehen, die beim Worte „Geschlecht“ nur an Geschlechtsorgane denken. Schon beim Spiel der Kinder unterscheidet sich der wilde Wagemut des Knaben von der stilleren Art der Mädchen. Das ist wie ein Symbol fürs ganze Leben. Das Geschlechtliche wurzelt tief in der Seele, und du darfst es nicht so ohnehin als das bloß Sinnliche auffassen. Denn es ist mit dem ganzen Körper, mit allen Sinnen, mit dem Denken und Fühlen innig verwebt und verschmolzen. Der Mann denkt, fühlt, urteilt, handelt anders als die Frau. Das eben ist der tiefgreifende Geschlechtsunterschied zwischen beiden, der jedem eine andere Stellung in der Natur und in der Welt und darum auch eine andere Gefühlswelt gibt.

In Mann und Weib verschmilzt das geheimnisvoll-ewige Sehnen der Menschheit nach Vollendung. Denn jedes der beiden Geschlechter birgt eine Hälfte menschlicher Eigenschaften in sich. Der Mann Kraft, Mut, Wille, Entschluß, Edelmut, Ritterlichkeit; das Weib Milde, Sanftmut, Mutterliebe, Gefühlstiefe; beide aber Treue, Schamhaftigkeit, Ehrgefühl. Das eine Geschlecht sehnt sich nach dem andern, um zu gewinnen, was es nicht hat, sich so zu ergänzen, zu vervollkommnen. Dieser tiefe Lebenswille der Natur lebt in beiden, und der Fortpflanzung entsteigt das Kind als eine höhere Entwicklungsstufe. Es ist auch wieder entweder männlich oder weiblich, aber es trägt von beiden Eltern ein Teil in sich. Ein gutes oder ein schlechtes, je nachdem, was das stärkere war.

In der Geschlechtlichkeit, in der Zeugung, erhebt sich der Mensch zur höchsten Bedeutung. Er selbst wird ein Schöpfer, wird ein Neugestalter des Lebens. Was Menschheit, Volk und Familie ihm gegeben haben: Leben, Kraft, Gesundheit, Menschenwürde, das gibt er einem von ihm in Liebe erzeugten Wesen wieder. Darin liegt ein Teil Unsterblichkeit.

Es gab eine Zeit, da erzählte man dir vom Storch, der die kleinen Kinder bringe und sie aus dem Brunnen oder einem großen Teich hole. Ja, ja, aus dem großen Meer der Schöpfung sind sie ja gekommen; aber es war nicht jener Verlegenheitsstorch der Fabel, der sie brachte, sondern die Liebe, die geschlechtliche Verbindung deiner Eltern, die den Werdekeim entfachte. So wie die Natur für alles in unserem Tun ein bestimmtes Organ, ein Körperglied mit einem besonderen Zweck, schuf, wie sie uns zum Gehen Beine und Füße, zum Greifen Arme und Hände, zum Sehen die Augen, zum Kauen die Zähne gab, so verlieh sie auch dem gewaltigen Sehnen nach Liebe und Zeugung, das die Menschen in sich tragen, bestimmte Organe, durch die der Wille der Natur und das Liebesgefühl der Menschen einen körperlichen Ausdruck finden kann. Diese Geschlechtsorgane sind bei Mann und Frau ganz verschieden. Sie liegen teils außerhalb, teils innerhalb der Leibeshöhle, teils sind es Brutstätten, Werkstätten für die Erzeugung der Keimzellen, teils Wege, diese Keimzellen zum Ausstoßen und zur Vereinigung zu bringen. Beim weiblichen Organismus liegen in der Leibeshöhle die sogenannten Ovarien, die Eierstöcke, in denen während einer Fruchtbarkeitszeit von etwa 30 Jahren rund 400 Eichen (das ist allmonatlich eins) reifen und ausgestoßen werden. Beim Manne wird der Samen in den beiden Hoden bereitet, aber nicht nur 400 Samenzellen, sondern viele Millionen. Die Geschlechtserregung nun, die den erwachsenen Menschen von Zeit zu Zeit ergreift, läßt alle Empfindung in die Geschlechtsorgane strahlen. Alle Wünsche schweigen. Alle Kräfte von Körper und Seele beugen sich dem großen Zeugungswillen der Natur und konzentrieren sich im Zeugungsakt. Die Geschlechtsorgane vereinigen sich, und die männlichen Samenzellen werden ausgestoßen in die weiblichen Organe und suchen in großer Zahl das weibliche Ei. Aber nur die stärkste Samenzelle, die die größte Kraft und Lebensenergie hat, erreicht – allen anderen voraus – die Eizelle, durchbohrt sie, und die Befruchtung ist geschehen. Jeder weiteren Samenzelle ist dann der Eintritt verwehrt.