Von allen Lebewesen ist der Mensch das einzige, dessen Geschlechtstrieb unter die Herrschaft der Vernunft gestellt wurde. Indes:

„Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Um tierischer als jedes Tier zu sein!“

Gerade die ideale Verbindung des Körperlich-Sinnlichen mit der Gesamtheit geistigen Lebens, eine Verbindung, die so viel Schönheit und so viel Möglichkeiten kluger Beherrschung und sittlicher Gesetze in sich birgt, ist verhängnisvoll geworden; denn das Geistige (Gedanke, Empfindung, Vorstellung, Kunst) wird zum Einfallstor des Sinnlichen, und bei gar zu vielen liegt die Vernunft in ewiger Fehde mit dem sinnlichen Trieb.

Das ist es, was so viel schwüles Schweigen erzeugt: Die lüstern lockende Geschlechtsempfindung im Innern, mit der man ringt, und das böse Gewissen, die trübe Erinnerung an vieles, was nicht gut war.

Aber soll das weiter und immer so bleiben? Sollen wir ruhig danebenstehen, wenn starke und mannhafte Geschlechter im Geschlechtsirrtum ihre Kraft verlieren? Wenn wir sehen, daß junge Menschen durch krankhafte Erregungen zur Erschöpfung getrieben werden?

6.
Die Verirrungen der Jugend.

Alle Welt kennt das große und traurige Geheimnis, das junge Menschen mit sich herumtragen, das drückende Geheimnis der Geschlechtsverirrung, der Onanie. Nur ganz wenigen ist der Sinn frei davon geblieben, und diese kennen nicht den bitteren Kampf, den der sittliche Wille mit dem Triebe führt, der sich quälend und entnervend im Körper und in den Sinnen breit gemacht hat. Immer wieder rafft man allen Willen zusammen, immer wieder bäumt sich der Stolz auf, und man sagt „Ich will nicht“, aber so oft ist dieser Trieb der Stärkere. Es ist wie ein Ringen um die Oberherrschaft. Je schwächer das Nervensystem und je nachgiebiger und schlaffer das Denken, desto mehr reißt der sinnliche Trieb die Oberherrschaft an sich.

Ein offenes, freies Wort würde den Kampf mildern, ein Freund, ein Vertrauter, dem man von sich in diesen Dingen sprechen kann, würde die seelische Bedrücktheit verscheuchen und den Mut heben können. Aber alle jungen Menschen sind ratlos, tragen ihr Geheimnis weiter mit sich herum und – verfallen weiter in der Einsamkeit dem wühlenden sinnlichen Trieb.

Dies traurige Schauspiel muß vor allen Dingen der Einsamkeit und dem Schweigen entrissen werden. Man muß darüber sprechen, deutlich und ernsthaft, damit der Vergeudung der Lebenssäfte Hemmnisse in den Weg gelegt werden, damit die geschwächten Körper wieder frischer und gesunder, der Wille wieder zuversichtlicher, der Mut wieder froher und das Auge wieder klarer wird. Es soll alles aus dem Leben heraus, worüber man sich schämen muß.

Die Onanie tritt oft schon in sehr frühem Alter auf. Desto gefährlicher ist sie. Dann handelt es sich aber um einen Organismus, der wahrscheinlich erblich geschwächt ist, eine „nervöse Anlage“ hat.