Die krankhaften Veränderungen des Seelenlebens, Gereiztheit, Launenhaftigkeit, Übelnehmen, Einbildung, Trübseligkeit und dergleichen machen den Menschen sich selbst und gegenseitig das Leben schwer.
Wenn wir dann diese Veränderung des Charakters und die Abschwächung des Willens sorgfältig beobachtend verfolgen, so ist es durchaus einleuchtend, daß bei einem so untergrabenen körperlichen und sittlichen Fundament gewisse angeborene krankhafte Neigungen, wie Unverträglichkeit, Gehässigkeit, Neid, Trägheit, ja selbst verbrecherische Triebe, eine Steigerung erfahren können. Der Mensch und sein Leben sind nichts Fertiges und Unveränderliches, sondern sind ein immerwährendes Werden, ein Etwas, das sich aus Anlage und äußeren Einflüssen werdend ergibt. Sind die körperlichen Grundlagen erschüttert und die sittlichen Hemmungen geschwächt, so wird es einer krankhaften oder verbrecherischen Neigung leichter gemacht, zu triumphieren. Das erscheint mir durchaus logisch und bestätigt sich auch durch die Erfahrung. Überall hat die Onanie einer schlechten Anlage Vorschub geleistet.
Und wenn dann dem großen Wollen und Wünschen im Leben sich Schwäche und Krankheit in den Weg stellen, wenn die frühzeitige Erschlaffung sich körperlich und geistig bemerkbar macht und der Organismus, den Blick auf das Lebensziel gerichtet, auf halbem Wege zusammenbricht, dann zieht oft trostlose Verzweiflung ins Gemüt. Reue und Selbstanklagen zermartern den Sinn; denn es wurde ja vorzeitig im Leben die Kraft vergeudet, die all dies große Wollen zur Tat werden lassen sollte.
Die Reizempfänglichkeit des Körpers wird mehr und mehr auf geschlechtliche Eindrücke eingestellt, und er beantwortet schließlich mit geschlechtlicher Erregung auch solche Reize, die keinerlei geschlechtlichen Charakter tragen und an einem gesunden Organismus spurlos vorübergehen. Diese häufige Geschlechtserregung halten viele in einem bedauerlichen Wahn für Kraft. Sie ist aber meist das Gegenteil, ist nervöse Schwäche.
Diese häufigen Erschütterungen von Rückenmark und Gehirn, an denen alle Organe, Herz, Lungen, Magen, Leber, Haut usw. teilnehmen, können schließlich jene äußerste Schwächung des Nervensystems im Gefolge haben, die wir als Neurasthenie kennen, und die mit ihren Erscheinungen endlich auch in das geschlechtliche Leben hineinragt, weil sie die geschlechtliche Kraft zu vermindern und mancherlei Störungen hervorzurufen vermag.
Von diesen Störungen erwähne ich vor allem die Pollutionen, jene nächtlichen Samenergüsse, die als Zeichen der Lendenmarksschwäche häufiger auftreten. Sie werden ausgelöst durch viele äußere und innere Reize, die an sich ganz unbedeutend sein können und beim Gesunden auch tatsächlich keinen Eindruck machen. Hier aber wird der Schlaf sehr durch wollüstige Träume gestört, und Samenergüsse vermehren die allgemeine Mattigkeit und das Gefühl des körperlichen Elends.
Der durch die sinnlichen Verirrungen bewirkten krankhaften Geschlechtserregung folgt fast mit Sicherheit im späteren Leben ein frühzeitiges Sinken der Geschlechtskraft. Und dieser disharmonische, unnatürliche Zustand, der das ganze Volk durchzieht, raubt den Menschen viel Liebesglück und Daseinsfreude und den Ehen sehr viel, oft alles, von der inneren Poesie.
Bei der ausgedehnten und sehr feinen Durchnervung des gesamten Geschlechtssystems muß ja das Nervensystem unter geschlechtlichen Fehlern am meisten leiden. Das macht sich in der oft so grenzenlos matten und verzweifelten Stimmung bemerkbar, in ihrer raschen Wandelbarkeit und Sprunghaftigkeit, sowie in einer Reizbarkeit oder Abgestumpftheit der Sinne. Namentlich Augen und Ohren leiden. Denn während einerseits Sehschwäche, und zwar Kurzsichtigkeit, ganz sicherlich in vielen Fällen auf heftige Onanie zurückzuführen ist, finden wir andrerseits das Ohrensausen als ein ganz außerordentlich verbreitetes Zeichen nervöser Störungen. Auch der Geschmack leidet und richtet sich darum oftmals auf ganz merkwürdige Dinge. Vor allem ist oft das Sättigungsgefühl verloren, und dadurch kommt es zu überstarker Nahrungsaufnahme.
Nicht jeden trifft's so schwer. Und wen die Vererbung mit großer Kraft bedachte, der vermag noch Leistungsfähigkeit ins spätere Leben hinüberzuretten. Aber doch sollte niemand die Gefahr verkennen und mit leichtem Sinn und scherzendem Wort über diesen tiefinneren Zusammenhang zwischen Geschlechtskraft und Lebensaufbau, zwischen Geschlechtsmißbrauch und Lebenszerfall hinweggehen.
Wer nicht direkt und unmittelbar den Schaden der Kraftvergeudung verspürt, der darf darum nicht sagen, es habe ihm gar nichts geschadet. Denn in den Gesetzen des Nervenlebens liegt es, daß die feindseligen Reize zunächst eine Kraftsteigerung bringen, der aber früher oder später das Niedergehen der Kraft folgt. Der Kräftige hat freilich mehr Widerstand als der Schwächling, aber wohl jeder wird an einen Zeitpunkt gelangen, wo mit einem Male seine Widerstandskraft gegen Arbeit, Unruhe, Klima und Temperatur, schwerere Speisen, Ärger und dergleichen geringer wird und er mehr oder weniger klar empfindet, wie eng das mit der Kraftverschleuderung in den Jugendjahren zusammenhängt.