Das Geschlechtsproblem löst sich nicht allein in der Zeugung und Fortpflanzung. Nach außen zwar läßt die Geschlechterliebe in der Tiefe der Leidenschaft ein neues Menschenleben entstehen. Aber ich wies schon darauf hin, daß in ihrer inneren Wirkung die Geschlechtlichkeit sowohl den männlichen wie den weiblichen Charakter ausgestaltet. Werden die Organe, in denen der Zeugungsstoff entsteht, also beim Manne die Hoden (Samenbereiter), auf operativem Wege entfernt, wie es bei der Entmannung in den morgenländischen Völkern und teilweise auch bei abendländischen geschah und geschieht, so sehen wir von derselben Stunde an eine völlig andere Entwicklung des betreffenden Individuums. Es entsteht ein von Grund aus anderer Charakter, der etwas Rückschrittliches, Unentwickeltes, darstellt und teilweise unangenehme Züge aufweist.

Hier haben wir einen glänzenden Beweis für die entscheidende Bedeutung des Geschlechtlichen im Menschenleben. Und wir erkennen, daß der Geschlechtsmißbrauch auch eine Art Entmannung ist; denn er ist Verlust der Kraft auf andere Weise.

Die Wissenschaft hat den hochwichtigen Beweis erbracht, daß der Körper in seinem Innern außer den Keimzellen in den Keimdrüsen noch durch einige andere Drüsen, die an der Entstehung des Geschlechtsempfindens mitbeteiligt sind, einen chemischen Stoff erzeugt, der im ganzen Körper anregend und belebend wirkt. Darum verstehen wir, warum die aufkeimende Liebesempfindung des einen Menschen zum andern so wunderbar fördernd auf ihn selber wirkt. Darum eben erkennen wir in dem Liebes- und Geschlechtsempfinden die Quelle alles Empfindens, alles Denkens und aller Kraft überhaupt. Es ist der geheimnisvolle Urquell all der wunderbaren Spannung, die die Jugend vor dem Alter auszeichnet. Gerade darum aber wirst du auch verstehen, warum diese jugendliche Spannung, diese Kraft und Frische, dieser schnell erfassende Geist, dieser rasche Entschluß, dieser feste Wille, dieser Reichtum des Empfindens, warum das alles schwinden und der trübseligen Schwäche Platz machen muß, wenn in der häufigen Onanie die Zeugungskeime verschwendet werden und jenem wunderbaren chemischen Lebensstoff der Weg zu seiner Wirksamkeit verlegt wird.

Von allen Seiten türmen sich Gründe auf, aus denen du selbst den Schluß ziehen kannst, daß die geschlechtliche Reinheit, das Freisein von geschlechtlicher Ausschweifung, die wichtigste Entwicklungsfrage deiner Jugend ist.

8.
Die Hoffnung auf neue Kraft.

Glaube nicht, daß ich in irgendeinem Punkte übertrieben habe, oder daß ich nur deshalb übertrieb, um dich von falschem Tun abzuschrecken. Und wenn du schon ein Opfer krankhafter geschlechtlicher Erregungen wurdest, so möchte ich nicht, daß meine Worte in dir Verstörung, Angst und Verzweiflung erregen. Das, was geschah, war nicht gut, war schädlich. Gewiß! Aber laß es dich nicht niederdrücken! Trage nicht die Ketten trüber Erinnerungen mit dir herum, sondern schau auf die nächste Zukunft. Wir Menschen irren viel. Und wenn's geschah, soll die Erkenntnis niemanden niederdrücken, sondern Mut und Entschluß geben zu einem kraftvolleren, gesunderen Leben. Der Wille zum Guten muß vorhanden sein, der rasche, frische Wille. Laß dich das Bild der Folgen nicht niederdrücken, aber laß es dir den energischen Entschluß geben, von heute ab den ruhigen, verständigen Kampf gegen die einsame Verirrung aufzunehmen.

Zähme deine Ungeduld und lasse nicht erneute Trostlosigkeit einziehen, wenn die Schäden der Verirrungen nicht gleich verschwinden. Es braucht dazu oft viel Zeit und viel Geduld. Nicht jeder kehrt wieder zur ursprünglichen Kraft zurück. Wenn's auch bei dir so ist, so wisse, daß dein Leben sich den krankhaft veränderten Verhältnissen in deinem Organismus anpassen muß. Verringerte Kraft bedingt ein weniger ergiebiges Leben. Dies alles, also die Grundlagen deiner zukünftigen Lebensweise, lernst du kennen aus Dr. Alfred Damms Reizlehre, und du kannst sie aufmerksam studieren in meinem Buche „Der nervöse Mensch“.[2]

Lasse dich nicht täuschen durch die Anpreisung von Heilmitteln und von Stoffen, die entweder nur vorübergehend als Reiz wirken und Gesundung vorspiegeln oder aber einige Erscheinungen unterdrücken und dadurch zu einem weniger sorgfältigen Leben Anlaß geben, während doch zugleich die Schwäche weiter und geheimnisvoller sich im Körper einnistet. Viele solcher Mittel und Medikamente erhöhen nur den Geschlechtstrieb. Aber es folgt später eine um so tiefere Erschlaffung. Die Gesundung und Kräftigung kann immer nur aus dem Organismus selbst kommen, aus seinem verbesserten und vorsichtig überwachten Lebensbetrieb. Das ist ein zwar langer und langsamer Weg, aber einer, der sicher zum Ziele führt. Versuche nur niemals durch Reizmittel und starke Antriebe irgendwelcher Art deine Schwäche zu überwinden. Denn oft liegt gerade in dem Gefühl der Schwäche ein Bestreben des Körpers, Herr zu werden über einen krankhaften Vorgang, einen Überreiz zu beseitigen, eine besondere Anpassung oder Absonderung zu bewirken. Aus jenem obengenannten Buche über das Nervenleben wirst du erkennen, daß der Organismus ein einheitliches Getriebe ist, und daß alle günstigen oder ungünstigen Einflüsse nicht nur ein einzelnes Organ, sondern das ganze System treffen. So kann also die Kräftigung nur eine allgemeine organische, langsame, aber umfassende sein.

9.
Die Kräftigung nach jugendlichen Verirrungen. Die Bekämpfung krankhafter Sinnlichkeit.

Was soll ich nun tun, um mich wieder zu kräftigen? Und wie werde ich des Triebes Herr, der mich quält und unruhig mir im Fleisch sitzt? –