Die zweite – und sicherlich die wichtigste – Forderung liegt in der Ernährung.
Die Nahrung soll den Körper aufbauen, ihm seine Wohlgestalt und die Kraft zur Arbeit geben.
Als die erzeugende Substanz der Kraft gilt das Eiweiß. Und weil davon das Fleisch besonders viel enthält, so ist seit langem in der Wissenschaft, und von da aus in den allgemeinen Anschauungen, der Satz feststehend, daß Fleisch = Kraft sei. Die praktische Folge davon ist, daß alle Welt gern und viel Fleisch ißt. Je mehr das Volk in seiner Gesamtheit degeneriert, desto mehr sucht es durch Fleischnahrung seiner sinkenden Kraft aufzuhelfen.
Das ist verständlich, so groß auch wohl der Irrtum ist. Und die Vegetarier, das sind die ohne Fleisch und nur von Pflanzenkost lebenden Menschen, haben durch glänzende Siege bei sportlichen und gymnastischen Veranstaltungen längst jenen alten Satz der Medizin widerlegt. Unter den Siegern bei solchen Veranstaltungen sind die meisten Vegetarier.
Jedes Nahrungsmittel hat seine ganz bestimmte chemische Zusammensetzung, und jeder von diesen chemischen Stoffen hat eine besondere Wirkung auf den Körper und damit auch auf den Geist. Sie können nun so wirken, daß sie die Blutbeschaffenheit beeinflussen, oder so, daß sie direkt das Nervensystem erregen, und schließlich so, daß sie bei der Ausscheidung ihrer Stoffwechselreste durch die Nieren reflektorisch erregen, d. h. erst die Schleimhäute der Harnwege und von diesen aus die Geschlechtsnerven erregen. In jedem Falle kann ein erregender Einfluß auf die Geschlechtsempfindungen zustande kommen, und das können wir vom Fleisch mit Bestimmtheit behaupten.
Es wäre mit dem Fleisch nicht gar so schlimm, wenn man nicht zwei Übelstände nebeneinander sich ausbreiten sähe. Die Grenzlinie für eine normale, ausreichende Ernährung hat sich längst verschoben, und die Menge dessen, was viele Menschen essen, geht weit über das Maß des für sie Zuträglichen hinaus. Namentlich wird zu viel Fleisch gegessen. Andererseits fehlt aber das für eine solch starke Nahrungsmenge notwendige Maß von Bewegung, zumal Fleischnahrung an und für sich träge macht. So kommt also eine schädliche Wechselwirkung zustande.
Die Pflanzenkost verlangt wegen ihres größeren Darmballastes mehr körperliches Bewegen; aber sie befähigt dazu auch in weit höherem Maße, denn Pflanzenkost macht den Körper frischer und beweglicher, den Geist und den Willen frischer und mobiler. Pflanzenkost hält auch die Darmtätigkeit rege, während starke Fleischnahrung nach einiger Zeit Darmträgheit, also Verstopfung, im Gefolge hat. Dadurch entstehen giftige Gase, die die Gewebe durchdringen und reizend und erregend auf die Geschlechtsnerven einwirken. Das tut ja nun das Fleisch schon an und für sich, und zwar durch Stoffe, die ohnehin in ihm enthalten sind, und durch andere Stoffe, die durch den Vorgang des Schlachtens oder denjenigen des Jagens in dem getöteten Tier erzeugt worden sind, und die man schlechthin als „Angststoffe“ bezeichnen kann. Das Vorhandensein und die Wirkung dieser Angststoffe ist durchaus keine Phantasie, sondern eine durch nichts hinwegzudisputierende Tatsache. Jedem geistigen Vorgang geht ein bestimmter Stoffwechselvorgang parallel. Spritzt man den Angstschweiß eines gejagten Tieres einem anderen ins Blut, so kann dasselbe sterben. Ja, das geängstete Tier kann ebenso wie der geängstete Mensch am Herzschlag sterben. Das ist nur und ausschließlich die Wirkung der freigewordenen giftigen Angststoffe.
Es ist verständlich, daß diese im Fleisch enthaltenen, durch das Töten vermehrten Stoffe auch auf den Menschen ihre reizende und erregende Wirkung entfalten. Dieser Reiz ist, weil widernatürlich, ein Überreiz, und er wirkt überall da am stärksten, wo die Widerstandsfähigkeit am geringsten ist. Wer zur Trägheit neigt, wird durch das Fleisch noch träger, wer jähzornig ist, wird durch das Fleisch noch mehr gereizt, und so wird durch das Fleisch auch die geschlechtliche Reizbarkeit gesteigert und die Onanie gefördert. Der Fleischgenuß soll also auf das geringstmögliche Maß herabgesetzt oder ganz ausgeschaltet werden.
Es ist recht interessant, daß Kinder, die frühzeitig lebhaft nach Fleisch verlangen, zu frühzeitigem geistigem und körperlichem Verfall neigen, während andererseits Kinder, die sich dem Fleisch widersetzen, eine kräftigere, ruhigere, überhaupt normalere Entwicklung nehmen.
Besonderer Gunst erfreut sich ja das Wildbret (Hasen-, Rehbraten u. dergl.). Und doch ist gerade von unserem Gegenstand aus vor dem Fleisch des Wildes zu warnen. Denn abgesehen davon, daß das Wild vor dem Tode gehetzt wurde, läßt man es meist vor der Zubereitung noch tage-, ja wochenlang (drei Wochen!) „abhängen“, um einen bestimmten Geschmack zu erzeugen, den man „haut goût“ nennt. Dieser Geschmack ist aber nur die Folge eines Zerfall- (Verwesungs-) Vorganges, der bestimmte Zerfallsstoffe freiwerden läßt, deren Geruch und Geschmack dem unverdorbenen Menschen höchst widerlich sind, deren aufreizende Wirkung auf den Organismus jedenfalls sehr stark ist und nicht in Frage gestellt werden kann. Denn ausgesprochenermaßen ist das ja der Zweck des Wildbretgenusses.