Diese Gefahr ist ganz besonders groß morgens kurz vor oder nach dem Erwachen, wo die gefüllte Harnblase eine Erregung verursacht und die Bettwärme sinnliche Bilder entstehen läßt. Am Morgen ist namentlich bei nervösen oder sonstwie leidenden Menschen die allgemeine Kraft und besonders die Willenskraft noch gering. Beide wachsen erst an den Arbeitspflichten des Tages. In dem Träumen und Hindämmern im Bett nach dem Erwachen liegt etwas riesig Gefährliches, und es hat wohl schon ungezählte Tausende von jungen Menschen ihrem guten Vorsatz entfremdet.

Es gilt hier, wie in so vielen Gefahren des Lebens, der Satz. „Principiis obsta“. Widerstehe dem Anfang! Wenn du erwachst, so erhebe dich mit einem mannhaften Entschluß! Stehe frisch entschlossen auf, kleide dich an, bewege dich und beginne zu arbeiten. Gib dich nicht eine Sekunde dem sinnlichen Hindämmern hin. Es ist immer ein Ringen zwischen Trieb und Wille. Je mehr du den sinnlichen Trieb träumend ansteigen lässest, desto schwächer wird dein Wille, bis er schließlich ganz unterliegt. Mache es dir vor allem zum eisernen Grundsatz, die Geschlechtsorgane nur dann zu berühren, wenn die Notdurft des Leibes es verlangt, sonst unter keinen Umständen. Jenes Spielen, das die angenehme leichte Erregung herbeiführt, ist wie ein Zunder in einem Explosionsstoff. Du willst nicht die Explosion, aber es glüht und glüht, bis mit einem Male dein Wille und dein moralischer Widerstand zusammenbrechen unter der angetriebenen Sinnlichkeit, und es – wieder einmal geschehen ist. Principiis obsta! Widerstehe dem Anfang!

Auch Krankheitserscheinungen mancherlei Art gibt es, die geschlechtsreizend wirken. Von den schweren Leiden, wie Lungenschwindsucht, mit ihrer oft verzehrend-fieberhaften Sinnlichkeit, will ich nicht sprechen. Wohl aber von örtlichen Störungen in der Geschlechtsgegend, die von einem mehr oder weniger heftigen Juckreiz gefolgt sind. Entweder finden sich dann Darmparasiten, Eingeweidewürmer mancherlei Art, oder es handelt sich um Hautmilben oder Hautleiden, welch letztere von Blasen-, Knötchen- oder Borkenbildung gefolgt sind und ein oft fürchterliches Jucken und Kratzen veranlassen. Wohl immer sind dies Folgen von Unsauberkeit, und der wohlmeinende Hygieniker hat ernstlich darüber Klage zu führen, daß die wohltätige und gesundheitswichtige Gewohnheit des Badens noch nicht genügend weit im Volke verbreitet ist. Auf ein einmaliges Bad in der Woche bildet man sich schon mancherlei ein. Aber für junge Menschen, die über geschlechtliche Anfechtungen klagen und sich von der Onanie befreien oder freihalten wollen, genügt das keineswegs. Sie sollten die gar zu warmen Bäder meiden und allabendlich eine Waschung des gesamten Unterleibes einschließlich der Oberschenkel und des unteren Rückens mit kühlem Wasser machen und könnten, wenn die sinnliche Erregung nur schwer zu bändigen ist, diesem Wasser etwa ein Fünftel Kampferspiritus beimengen; das kühlt und beruhigt. Namentlich ist es dem jungen Manne ratsam, den vorderen Teil des Gliedes, die Eichel, öfter durch Zurückziehen der Vorhaut freizulegen und kühl abzuwaschen. Dadurch entfernt man jenen Ausscheidungsstoff, der sich hier festsetzt und die Geschlechtsnerven reizt.

Die kluge Gewohnheit des Badens wird an Wert und gesundheitlicher Bedeutung noch übertroffen durch das Luftbad. Es schließt eine natürliche Form des Lebens in sich und bringt viel Kraftsteigerung für das Nervensystem. Es gehen viele ins Luftbad, die krank sind und sich von ihren Leiden befreien wollen. Aber klüger ist es wohl, schon – ehe man krank geworden – einen Teil der Jugendjahre im Luftbade zuzubringen, um im kräftigenden Reiz der atmosphärischen Luft, im freien Lauf und im frisch-fröhlichen Spiel die sinnliche Lust einzudämmen und umzuwandeln in Spannkraft des Körpers und des Geistes. Die sitzende Lebensweise in den Schulen, Bureaus, Werkstätten und Fabriken führt zu einer Stockung des Blutes und der Säfte in den inneren Organen und zur Erschlaffung der Muskeln und der äußeren Haut; das häufige Luftbaden schafft gründliche Änderung darin und bringt, namentlich wenn es grundsätzlich auch im Winter im Freien genommen wird, mit der Abhärtung zugleich auch einen frischen offenen Sinn, der es für verderblich und unmännlich halten muß, sich schlaffen, sinnlichen Träumereien hinzugeben.

Um im Luft- und Sonnenbade ganz richtig zu handeln, dir nicht zu schaden, lies mein Buch „Die Heilkraft des Luft- und Sonnenbades. Rationelle Körperpflege durch Luft, Licht und Wasser“[3]. Du findest darin eine ganz eingehende Darstellung dieses vornehmsten Gesundheitsmittels und genaue Anweisungen für dein Verhalten.

Da, lieber Leser, sind wir überhaupt bei der Frage der Muskelarbeit angelangt, und damit bei einer Frage von so großer Wichtigkeit, daß wir darüber noch einiges sagen müssen.

Das Leben ist eine wunderbare Einheit, und tief im Innern des Organismus, im Chemismus der Gewebe, werden in geheimnisvoller Weise die Kräfte frei, die das Leben zur Entfaltung bringen. Im ewigen Kampf ums Dasein empfing jedes Lebewesen, empfing auch der Mensch seine ganz bestimmte Form, seine körperliche und geistige Organisation. Der Kampf ums Dasein zog die Kräfte bald hierhin, bald dorthin und hat vor allen Dingen in der Notwendigkeit der Körperarbeit und der körperlichen Anstrengungen die Muskeln stark und leistungsfähig gemacht.

Mit einem Male wurde die Muskelarbeit zurückgedrängt. Durch die Entfaltung der Technik, der Industrie, der Wissenschaften, wurden immer mehr geistige Kräfte verlangt, während die Körperkraft im Kampf ums Dasein von Tag zu Tag mehr ihre Bedeutung verliert.

Namentlich der Jugend aber, die ihres raschen Wachstums und Stoffwechsels wegen und ihrer ganzen Anlage nach zu körperlicher Bewegung drängt und darauf angewiesen ist, wenn sie sich normal entwickeln soll, ist das viele Stillsitzen gefährlich geworden. Die frei werdenden Kräfte finden keine Verwendung, keinen Ausweg. Würden sie in Körperarbeit verwendet, so würde sich der Körper dabei aufbauen, würde die gelösten Stoffe sich selber als dauernden Besitz anbauen, würde stark und kräftig werden. So aber suchen sich die herrenlosen Kräfte einen Ausweg und werfen sich auf den Geschlechtssinn, den sie erregen und steigern und zur Entladung drängen. So ist vielfach die Onanie eine Entladung von Kräften. Aber diese Kräfte werden dem körperlichen und geistigen Dauerbau entzogen, und statt daß sie in ihrer stetigen Verwertung den Organismus stark machen sollen, führen sie nun ein Anwachsen, eine Züchtung des Geschlechtstriebes herbei. So verstehen wir es, daß eine starke Geschlechtsbetätigung eine verhehrende Wirkung auf Körper und Geist hat.

Ja, gerade die in der Gegenwart so beliebt gewordene Methode der frühen geistigen Erziehung der Kinder fördert ihre sinnliche Entwicklung maßlos. Die Freude der Mutter über die regen geistigen Interessen ihrer Lieblinge ist verderbliche Naivität; denn die geistige Regsamkeit ist nervöse Entwicklung. Diese unsinnige Erziehung: geistiger Drill bei körperlicher Trägheit! Unaufhaltsam werden die Kinder der Geschlechtserregung zugetrieben. Die Eltern sind blind, sehen nichts und lassen zwischen ihren Kindern oder zwischen den Kindern und den Dienstboten Dinge geschehen, über die sie entsetzt sein würden, wenn sie nur ein einziges Mal Augen- oder Ohrenzeugen wären. Und dabei sind es oft Väter und Mütter, die mit größtem Ernst, mit sittlichen und religiösen Mitteln ihre Kinder erziehen wollen und doch sie verderben.