Die Menschen haben sich an den Anblick der körperlichen und seelischen Leiden und an das häufige und allgemeine Schmerzgefühl so sehr gewöhnt, daß sie glauben, Schmerz und Krankheit lägen in der Natur der Dinge und seien unvermeidliches und unabwendbares Schicksal. Darum ertragen viele ihre Leiden in gedankenloser Ergebenheit oder führen Klage über ihr persönliches Unglück. Die heftigen, impulsiven Naturen murren auch wohl gegen das „Schicksal“. Die wenigsten nur sind es, die bei sich selbst nach den Ursachen spähen und – durch Erkenntnis klug geworden – in vorsichtigerer Lebensführung alle die allgemeinen Übel vermeiden.

Von nichts aber dürfen wir mehr überzeugt sein als davon, daß bei vernünftiger Lebensführung Krankheiten ganz außerhalb der Lebensgesetze des menschlichen Organismus liegen. Haben wir nur ein klein wenig natürlich denken gelernt, so müssen wir erkennen, daß die Natur Gesundheit und Glück gewollt hat, und die Irrtümer und Fehler des Lebens dem Einzelmenschen schaden und von ihm aus die Gesamtheit angreifen.

Die Verletzung der Naturgesetze – im Geschlechtsleben mehr als anderswo – verwirrt die Wege der Kraft, der Schönheit und des Glückes, die den Menschen von der Natur gewiesen sind, und bringt Krankheit, Schwäche und Tod. Wir Menschen von heute aber haben etwas, was niemand je vorher besaß, die klare Erkenntnis von den wahren und eigentlichen Ursachen des Verfalls. Wir sehen mit Entsetzen den Geschlechtsmißbrauch die Kraft der Menschen und der Völker zerstören und sammeln alle Kräfte, um dieser zerstörenden Gewalt zu begegnen. Die klare Erkenntnis hat uns Hoffnung, Mut und Wille gegeben, und das Leben, das vor uns liegt, steht im Zeichen einer neuen Zeit, in der in einem gesunden Körper wieder eine gesunde Seele lebt.

Zweiter Teil.
Der junge Mann und das Weibliche.
Rätsel und Irrtümer der Liebe.

„Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt.
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.“

Schiller.