ie alten Griechen hatten einen Gott, den sie Janus nannten, und den sie sich mit zwei Köpfen dachten. Wollten wir Menschen die Liebe darstellen, wahrlich, auch sie hätte einen Januskopf; denn kein Empfinden gibt's im Leben, das so sehr Glück und Leid, Jubel und Tränen, Freude und Trauer umschließt, kein Empfinden, das mit so viel stürmenden Hoffnungen begann und mit so viel bitterer Resignation endete. Heiße, große Jugendsehnsucht auf dem einen Gesicht und begrabene und beweinte Wünsche auf dem andern, das ist der Januskopf der Liebe.

Aller Jammer, alles Elend, alle Krankheit entspringt dem Irrtum. In den Geschlechtsirrtümern verlieren die Menschen ihre Kraft.

1.
Das Erwachen der Liebe.

Um das 15., 16. oder 17. Jahr herum geschieht es, daß aus dem Knaben ein junger Mann wird und der Körper alle jene bedeutsamen Veränderungen erlebt, die vereint den Geschlechtscharakter bilden. Der Körper entwickelt besondere Triebkraft im Wachstum, und dieses rasche, oft schußweise Wachsen im Knochenbau, dem die Muskelfülle nicht ganz zu folgen vermag, gibt der Gestalt jene merkwürdige Eckigkeit und Unbeholfenheit, die uns den jungen Mann in den „Flegeljahren“ oft so lächerlich ungeschickt erscheinen lassen. Auf der Oberlippe erscheint der erste Bartflaum, die sexuellen Organe entwickeln sich stärker; es mehren sich die Schamhaare; die Stimme verliert den kindlichen Klang; sie „bricht“ und gewinnt jenen dunklen, oft rauhen Timbre, aus dem man den „Stimmbruch“ eine Zeitlang deutlich heraushört.

Dieser ganzen äußeren Entwicklung, die einen ausgeprägt geschlechtlichen Charakter trägt, entspricht auch eine innere Entwicklung. Denn das geistige Leben wird beeinflußt und gespeist von jenen inneren Absonderungen der Keimdrüsen, die in dieser Zeit lebhafter zu arbeiten begonnen haben. Das Geschlechtsgefühl ist nun nicht mehr bloß allgemein körperlich, sondern wird reicher an plastischen, geistigen Vorstellungen. Denn in demselben Maße, in dem das eigentlich Männliche sich in dem jungen Manne ausbildet und äußerlich und innerlich ausprägt, stellt sich sein ganzer männlicher Organismus auf das Weibliche in seiner Umgebung ein. Männlichkeit und Weiblichkeit bilden eben im kosmischen Geschehen jene gewaltige Polarität, aus der das weltenbewegende Wunder der Liebe entsteigt. Jeder Pol sucht seinen Gegenpol, und alle die feinen und starken Ausstrahlungen der Männlichkeit suchen und finden das Weibliche, das sie mit dem gleichen Gesetz anziehen und sich zu verschmelzen trachten. So gewinnt das Weibliche eine gewisse Herrschaft über das Männliche, das sich – gebändigt durch unklare sinnliche Wünsche – dieser Herrschaft gern beugt, ja sich manche „süße Tyrannei“ eines jungen Mädchens gefallen läßt und aus Liebe und Ritterlichkeit zu jedem Dienst und – jeder Torheit fähig ist.

Das sind etwa so die Tanzstundenjahre. Eine kleine Welt für sich, deren glückliches Hoffen nie wiederkehrt. Je stärker und unklarer diese männliche Sehnsucht ist, desto verlegener und ungeschickter kann der sonst ganz ruhige und sichere junge Mann werden, wenn in der Gesellschaft ein junges Mädchen all seinen stürmend-sehnsüchtigen Gefühlen ein naheliegendes Ziel gibt. Dann ist es mit der Ruhe vorbei. Er möchte den allerbesten Eindruck machen, die Ritterlichkeit in Person sein, glaubt sich von allen Anwesenden beobachtet und möchte sich doch um alles in der Welt vor seiner „Angebeteten“ keine gesellschaftliche Blöße geben. Das geringste Mißgeschick bringt ihn in unglaubliche Verwirrung. Er steckt das Tischtuch als Serviette ins Knopfloch, schüttet der Dame die Suppe aufs Kleid, wirft einen Stuhl um und sucht verzweifelt nach einem Gesprächsthema.

Das Liebesspiel hat begonnen, und alle die grotesken Verlegenheiten sind nur die grenzenlose Verwirrung, die das Weibliche anrichtet in der Seele des jungen Mannes, dessen erwachte Geschlechtlichkeit sich in dieser neuen Welt noch nicht zurechtzufinden weiß.

Und dann ergreift das Weibliche immer mehr Besitz vom Denken und Fühlen des jungen Mannes. Es schärft auf der Straße und in der Gesellschaft seine Augen für Jugend und Schönheit, Grazie und Charme. Es dringt in seine Träume ein, und während der gesunde, wohlerzogene junge Mann die Schönheit dieser Jugendjahre nicht ihres idealen Gewandes entkleidet und die Poesie der jungen Liebe nicht in der sexuellen Gier vernichtet, kämpfen viele – und namentlich diejenigen, die den onanistischen Geschlechtserregungen verfallen sind – mit sexuellen Vorstellungen. Und während bei dem einen die ersten Regungen der Liebe zugleich seinen männlichen Stolz und seine sittliche Selbstachtung wecken, und ihm die Liebe zur Waffe gegen seine unreine Verirrung wird, gerät der andere noch tiefer in die Gewalt des krankhaften Triebes.

Hier findet der zügelnde Wille und die Klugheit einer gesunden Lebensführung einen besonderen Boden, zumal es sich darum handelt, jene nächtlichen automatischen Samenergüsse, die sogenannten Pollutionen, in ihren physiologischen Grenzen zu halten.

Mancher junge Mann wird verwirrt oder erschreckt, wenn er in der Nacht oder am Morgen einen Samenverlust beobachtet, der von einer mehr oder weniger starken Erregung, von mehr oder weniger lebhaften sinnlichen Träumen begleitet war. Den Unwissenden und Ängstlichen mag gesagt sein, daß die Pollutionen nichts Krankhaftes an sich haben, sondern eine normale Entscheinung sind, wenn sie etwa alle 10-20 Tage sich höchstens einmal einstellen. Darüber hinaus und besonders dann, wenn der Pollution am nächsten Tag schlaffes, schlechtes Befinden, blasses Aussehen, Kopfschmerz, Kreuzschmerzen, Nervosität und dergleichen folgen, haben wir es mit nervöser Schwäche zu tun, oder der Samenerguß war durch einen äußerlichen oder innerlichen Reiz, jedenfalls aber durch einen Fehler in der Lebensführung, herbeigeführt worden. In solchen Fällen wirst du gut tun, lieber Freund, alle die Ratschläge zu befolgen, die ich schon zur Heilung der Onanie gegeben habe, und namentlich die Abendmahlzeit nicht nach 6 Uhr einzunehmen und sie nur aus Brot und Früchten bestehen zu lassen.