Wenn es möglich wäre, die Menschen in ihrer Allgemeinheit wieder zu einer gesunden und einfachen Lebensweise zurückzuführen, so müßten wahrscheinlich die Pollutionen entweder gänzlich schwinden oder auf ein äußerst geringes Maß zurückgehen. Aber diese Erscheinungen hängen wohl mit der nervös gesteigerten Erregbarkeit des Lendenmarkes, mit körperlicher Untätigkeit und mit einer falschen Ernährung weit mehr zusammen, als man auch nur ahnt. Wenn aber zum Beispiel eine geschlechtliche Erscheinung mit der Ernährung zusammenhängt und zugleich mit dieser geändert werden kann, so ist es doch zum mindesten recht schwer, zu sagen, sie sei so, wie sie ist, normal.

Keinesfalls aber läßt sich aus solchen Erscheinungen die Anschauung herleiten, daß nun der Organismus reif sei für die Fortpflanzungstätigkeit, und daß nun die Geschlechtsbetätigung für den jungen Mann zu einem persönlichen Recht und zu einer gesundheitlichen Forderung werde. Denn wenn auch – was jedenfalls bestreitbar ist – die Pollutionen normale, physiologische Erscheinungen wären, so könnten sie doch nur eine passiv-automatische Übung und Wachstumssteigerung eines Triebes darstellen, der seiner sozialen Beziehungen und Folgen wegen nicht allein in der körperlichen Entladung begriffen werden kann.

2.
Die Sittlichkeitsfrage.

Hier haben wir mit einem Male einen Sprung mitten in die sogenannte „Sittlichkeitsfrage“ hinein getan. Denn der Begriff des „Sittlichen“ hat sich stillschweigend und in seiner ganzen Ausdehnung an das Geschlechtliche angeschlossen.

Diese Sittlichkeitsfrage beschäftigt sich im wesentlichen damit, ob es einem jungen Manne erlaubt sein kann, vor der Ehe und in noch jugendlichem Alter geschlechtliche Beziehungen zu unterhalten.

Diese Frage ist durchaus neueren Datums. Denn erstens waren die sittlichen Anschauungen von früher strenger und straffer, zweitens hat die Gesellschaft heute in allen Fragen, und somit auch in der sexual-moralischen, die soziale und sittliche Kritik über das gedankenlose Sichgehenlassen gesetzt, und drittens ist gerade mit dem Erwachen dieses kritischen Geistes jener eigenwillige Individualismus großgezogen worden, der über die Rechte der Persönlichkeit hinaus auch die Ungebundenheit des Trieblebens mit „Individualität“ und anderen Phrasen verteidigt, die sozialen Wurzelungen lockert und dieses ganze philosophische Vorspiel nur beginnt, um endlich und insbesondere dem vorehelichen Geschlechtsleben eine unbeschränkte Freiheit zu verschaffen.

Beiläufig gesagt: nur dem männlichen, nicht dem weiblichen Geschlechtsleben. Denn daß das junge Mädchen vor der Ehe keusch zu leben habe, ist eine so verbriefte, so tiefempfundene sittliche Forderung, daß ein Sturm sich erhob, als einige dem Lager der Frauenbewegung entstammende Schriften auch diese Schranke zu durchbrechen suchten. Nicht nur tiefe und bedeutsame biologische Gründe, sondern schlechterdings der sexuelle Egoismus des Mannes verlangen es, daß das junge Mädchen vor der Ehe seine Jungfräulichkeit bewahre.

Der gleiche Sturm der Verwunderung und Entrüstung erhob sich aber auch, als vor nunmehr etwa 30 Jahren in der Öffentlichkeit klipp und klar gesagt wurde, daß es auch für den Mann die sittliche Forderung der Enthaltsamkeit gebe.

Das traf die gedankenlosen Gehirne wie ein scharfer Sonnenstrahl, der die Augen blendet. Bis dahin hatte der Mann dasselbe getan, was er noch heute mit der gleichen aufreizenden Selbstverständlichkeit tut: er hatte jede sich bietende Gelegenheit zum Geschlechtsgenuß bereitwilligst benutzt.

Die Forderung der Enthaltsamkeit war durchaus nicht neu. Die christliche Religion und auch andere Kulte hatten sie aufgestellt. Nur war die Gedankenlosigkeit des Alltags allmählich über das unerschütterliche Gefüge ethischer Grundgedanken hinweggewuchert. Da fiel wie ein Funke ins Pulverfaß jene Erstaufführung des Björnsonschen Dramas „Der Handschuh“ durch die Berliner „Freie Bühne“ Ende des Jahres 1889. Die Heldin dieses Dramas, Svava, erfährt, daß ihr Bräutigam früher schon Geschlechtsverkehr mit einem Mädchen hatte, und sagt sich von ihm los. In der reichen literarischen Nachfolge, die diese Arbeit fand, finden wir den gleichen Gedankengang namentlich in „Vera. Eine für viele“.