Der starke und imponierende Björnson hatte also sich selbst zum Wortführer einer geschlechtsmoralischen Forderung gemacht und sie dadurch, daß er sie auf der Bühne abhandelte, in den Brennpunkt des allgemeinen Interesses gerückt. Die Presse griff denn auch diesen –8211; „Handschuh“ wie ein Mann auf, die einen mit Hohnlachen und dem zeternden Wortschwall einer angstvollen Verteidigung, die andern mit wohlwollender Zustimmung.
Genug, der Stein war ins Rollen gekommen, und Björnson selbst sorgte dafür, daß die Sache zumindest in den skandinavischen Ländern nicht so bald zum Stillstand kam. Man erinnert sich seiner eindrucksvollen, faszinierenden Persönlichkeit, die überall den strengen Sittlichkeitsgedanken, die monogamische Ehe, in glänzender Rede gegen jede geschlechtliche Lauheit, gegen jedes psychologisch oder philosophisch umschleierte Triebleben verteidigte.
Zur selben Zeit begann die Wissenschaft, die bis dahin scheu und ängstlich dieses Gebiet gemieden hatte, sich doch damit aus biologischen und medizinischen Interessen zu beschäftigen. Die Geschlechtswissenschaft (Sexuologie) spürte den geheimnisvollen Gesetzen dieser menschlichen Leidenschaft nach, um alle Zusammenhänge zu finden. Und mit einem Male übersah man auch klarer als bisher die ungeheuren gesundheitlichen Schäden, die das gedankenlose vielweiberische (polygamische) Geschlechtsleben des Mannes angerichtet hatte. Man erkannte den Einfluß alles Geschlechtlichen auf die Erziehung, das Denken überhaupt, auf alle sozialen Beziehungen, auf die Vererbung, auf Lebensgestaltung und Lebensglück, und es war wie ein jähes Erwachen, das den erschreckend neuen Eindruck von der gewaltigen Bedeutung alles Geschlechtlichen in zahllosen Schriften festhalten zu wollen schien.
Und was bis dahin nie und nirgendwo geschehen war: die Frauen hatten aufgehorcht. Sie, die bis dahin in der allgemeinen Komödie der Prüderei die Statisterie gemacht hatten, gewannen nun mit einem Male das Bewußtsein, daß es eine empörende Ungerechtigkeit ist, wenn der Mann vom Weibe voreheliche Enthaltsamkeit verlangt, während er sich selbst doch zu gleicher Zeit recht munter amüsiert und der Frau als Dank für ihre sittliche Bewahrung eine – Geschlechtskrankheit als Morgengabe in die Ehe bringt.
Was Wunder, daß gerade die Frauen sich gegen diesen Zustand auflehnten und mit großer Energie die sexuelle Frage der prüden Umschleierung entrissen.
Wir stehen ja noch heute vor der Tatsache, daß junge Männer, wenn sie die Schule und das Elternhaus verlassen haben, oft ohne alle Gewissensbisse von den sich bietenden Gelegenheiten zum Geschlechtsverkehr Gebrauch machen, ohne der moralischen und sozialen Gesetze zu gedenken, welche sich natürlicherweise gegen den eigenwilligen geschlechtlichen Individualismus auftürmen. Denn die Beurteilung eines Triebes, der über den Einzelmenschen hinaus von sozialen Folgen ist, erschöpft sich keineswegs in den Wünschen und Rechten des Individuums, sondern muß notwendigerweise eine soziale sein. Die tiefsitzende Inkonsequenz beginnt aber schon mit der Forderung der Keuschheit der jungen Mädchen, und die sozialen und mehr noch die sittlichen Zwiespalte fallen zusammen mit der gesellschaftlichen und seelischen Verwirrung, die ein Mann im Leben eines Weibes anrichtet, wenn sie der Gegenstand seiner geschlechtlichen Wünsche geworden ist.
3.
Geschlechtsleben und Gesundheit.
Das jugendliche Geschlechtsleben mit den Forderungen der Gesundheit zu entschuldigen, ist eine jener sophistischen Ungereimtheiten, die nur da entstehen, wo die erotischen Wünsche das Gewissen zum Schweigen bringen wollen.
Es gibt gegenwärtig wenige Fragen, in deren Beantwortung so heftige Widersprüche herrschen, wie diejenige des Nutzens oder Schadens der vorehelichen Geschlechtsenthaltsamkeit. Aber selbst wenn die Wissenschaft sich zugunsten der – Frivolität entscheidet und Fälle von Schädigungen durch Enthaltsamkeit bei der Jugend aufzählt, so müßte sie doch der degenerativen Entwicklung Rechnung tragen. Sie müßte in Rücksicht ziehen, daß die Kultur weit von den physiologischen Gesetzen der menschlichen Natur abgerückt ist, und daß durch geschlechtlichen Mißbrauch, durch die Raffiniertheit und Grenzenlosigkeit der Ernährung, sowie durch körperliche Untätigkeit eine sexualnervöse Reizbarkeit gezüchtet wurde, die das ordnende Urteil trübt. Was aber ein sinnlich gesteigerter Organismus verlangt, das darf die Wissenschaft nicht als allgemeines Geschlechtsrecht im ganzen Volke austeilen. Erkennt man, daß ein Trieb durch Mißbrauch sich im Organismus in den Vordergrund drängte, so muß man den Begriff des „Natürlichen“ an diesem Trieb arg beschneiden. Und selbst wenn man, ohne der mißbräuchlichen Steigerung zu gedenken, den Trieb mit Recht „natürlich“ nennt, so vermag man ihn doch in keiner Weise zu trennen von den seelischen, sittlichen und sozialen Kräften, die das Wohl der menschlichen Gemeinschaft und ihre Entwicklung bedingen. Wird der Geschlechtstrieb rein körperlich gezüchtet, so bringt er das Menschengeschlecht rückwärts, nicht vorwärts.
Wenn ein Mensch ißt und dabei den Zweck des Essens vergißt und zur Eßgier gelangt; wenn er trinkt, nicht weil der Körper Flüssigkeit verlangt, sondern weil er der Leidenschaft des Trinkens verfallen ist, so werden die geistigen Kräfte in demselben Maße schwinden, in dem die körperliche Sucht sich steigert. So bedeutet auch der unerlaubte Geschlechtsverkehr der Jugend, eben weil er die sozialen und sittlichen Kräfte nicht auslöst, eine Hemmung der geistigen und charakteriellen Entwicklung.