Daß die geschlechtlichen Erschütterungen und die Samenverluste einen noch nicht ausgereiften Organismus in seiner Entwicklung hemmen, ist eine ganz allgemeine Erfahrung. Es ist schon rein logisch und ohne jeden wissenschaftlichen Beweis einzusehen, warum jene geheimnisvollen Lebensstoffe, deren Entstehung im Körper zu einem solchen Reichtum und Überschwang des Gefühls führt, die das Urgeheimnis der polaren Spannung zwischen Mann und Weib in sich bergen, und die in der Leidenschaft ihrer Vereinigung das Wunder der Menschwerdung vollbringen, warum sie ohnedies dem Organismus, solange er sich in der Entwicklung befindet, seine Spannung geben; denn diese Stoffe, die immer wieder neues Leben auf die Bahn des Werdens schleudern, sind nicht nur Ursubstanz des Lebens, sondern zugleich auch seine feinste Blüte. Sie behalten immer ihre gestaltende Kraft. Und es liegt große Klugheit darin, durch diese gestaltende Kraft zunächst den eigenen Organismus auf den möglichen Höhepunkt seiner Entwicklung zu bringen, ehe man im bloßen Geschlechtsgenuß Rechte sucht, die erst der mit sich selbst fertige, vollendete Organismus besitzt.

An den Erscheinungen der Geschlechtsreife (Pubertät) erkennen wir die treibende und gestaltende Kraft jener Lebensstoffe. Ein Ausreifen nach allen Richtungen ist es, das wir beim Erwachen der Liebesempfindung staunend beobachten. Was späterhin das neue Leben formt, das verleiht einige Jahre vorher der Stimme ihren tieferen Vollklang, das treibt den Bart als eins der Zeichen der Mannheit, das gibt dem Charakter seine Festigkeit und dem Geiste Stolz und Kühnheit. Entfernen wir die Keimdrüsen (Kastration) so hört alle diese Entwicklung ins Männliche mit einem Male auf. Die treibenden Kräfte sind unterbunden. Die Stimme bleibt dünn, der Bart wächst nicht, der Charakter bleibt weichlich, ängstlich, tatenlos oder verschlagen.

Es mag darüber gestritten werden können, ob wir dem häufigen Samenverlust allein die Schäden, von denen die Rede war, zuschreiben sollen. Keinesfalls dürfen wir aber der gewaltigen allgemeinen Erschütterung vergessen, die der Organismus in der Geschlechtserregung erleidet. Kommt sie schon in der Jugend, noch ehe der Gesamtbau seine ordentliche Kraft und Festigkeit erlangt hat, und wiederholt sie sich zu oft, so verlieren die gar zu stark erregten Nerven, die in der Erregung gar zu oft ausgedehnten Blutgefäße, verliert das stark erregte Herz, verlieren die oft krampfhaft angespannten Muskeln die Fähigkeit, wieder zu vollkommener Ruhe, zur physiologischen Norm zurückzukehren. Alles erschlafft, und diese Erschlaffung ist traurige Widerstandsunfähigkeit und Empfindsamkeit. Und in demselben Maße, in dem die Kraft und die Energie zu tüchtiger Arbeit verloren gehen, bemächtigt sich des Organismus jene lüsterne Träumerei, die selbst am Tage alles Geschlechtliche umkreist und gewissermaßen mit angehaltenem Atem auf der Lauer liegt, um alles Geschlechtliche gierig einzusaugen und selbst das Harmlose im Gespräch, im Leben, in Büchern und Bildwerken, zum Geschlechtlichen zu machen. Dann zehrt die Sinnlichkeit von der körperlichen und geistigen Kraft, und es fehlt meist jenes notwendige Maß körperlichen Ausarbeitens, um die gefährlich wuchernde Sinnlichkeit einzudämmen.

Es ist sehr oberflächlich, wenn ein junger Mann seinen Geschlechtsverkehr mit seiner scheinbaren Reife, mit den nächtlichen Pollutionen und mit dem Hinweis auf die Erwachsenen entschuldigt. Denn erstens habe ich gezeigt, daß die scheinbare Reife sehr wohl frühzeitige Triebsteigerung sein kann, die als nervöse Anlage sich genau so erblich überträgt wie irgendeine Krankheit. Daß zweitens die Pollutionen eine recht zweifelhafte Erscheinung sind, und daß wir große, starke und gesunde Männer mit wenig oder gar keinen Pollutionen, dagegen oft schwächere, nervöse, blasse Jünglinge mit häufigen Pollutionen antreffen, sowie, daß die Pollutionen durch Onanie hervorgelockt werden können. Drittens, daß die Jahre der Geschlechtsreife beileibe nicht die Rechte geschlechtlicher Tätigkeit mit sich bringen, sondern durch die Steigerung der Samenerzeugung und der inneren Absonderungen dem Körper die geschmeidige, jugendliche Kraft und Biegsamkeit, dem Geist die Frische und die Fähigkeit schnellen Erfassens und der Seele Tiefe und Wärme verleihen sollen.

Es mag als Grundsatz gelten, vor vollendetem Längenwachstum alle sexuellen Kräfte zu sparen.

Die Tierzüchter haben reiche Erfahrungen in diesen Dingen gesammelt, und keiner von ihnen wird ein nicht völlig ausgewachsenes Tier zur Fortpflanzung zulassen. Jeder von ihnen weiß, wie schwer dadurch das Tier in seinem ferneren Wachstum aufgehalten und wie empfindlich man schließlich die ganze Rasse schädigen wird. Es mag auch nicht unerwähnt bleiben, daß, wenn man kranken, schwächlichen, nervös erschlafften Menschen Samenflüssigkeit unter die Haut spritzt, sie eine bedeutende Vermehrung ihrer körperlichen und geistigen Frische zeigen.

Die Athleten und die Sportsleute, die sich zu besonderen Höchstleistungen vorbereiten, müssen Geschlechtsenthaltsamkeit beobachten. Ja, diese ist ein ganz besonderes Erfordernis des „Trainings“. Wir erkennen daran das Gesetz von der Umwandlung der Kräfte im Organismus, und es darf als sicher gelten, daß die geschlechtliche Selbstzucht nicht nur die körperlichen Kräfte mehrt, sondern vor allem auch Ausdauer und jenen äußersten Willen weckt, der bei besonderen Leistungen den Ausschlag gibt.

Sind aber nicht auch die Jahre der Jugend eine Art Training, eine Vorbereitung für tüchtige Leistungen im Leben? Sollte die Jugend nicht ebenfalls alle die Kräfte sparen, deren Besitz die offenbare Quelle für körperliche und geistige Leistungsfähigkeit ist? Wenn die Eltern alle Nahrungssorgen auf sich nehmen, nur damit die Kräfte der Jugend sich nicht zwischen Entwicklung und Daseinskampf zersplittern, hat dann die Jugend ein Recht, diese Kräfte trotzdem zu vergeuden, und zwar in der Geschlechtslust?

Die Spannung, die durch Enthaltsamkeit erzeugt wird, ist Triebkraft und hat sowohl hohen kulturlichen wie lebenssteigernden Wert. Nichts ist sicherer, als daß die Geschlechtsenthaltsamkeit der Jugend und die Mäßigkeit der Erwachsenen nicht nur für den Einzelnen Sinn und praktische Bedeutung haben, sondern vielmehr für ein ganzes Volk von einschneidendem kulturlichem Wert sind. Eine Nation, die ihr Gewicht in die Wagschale der Geschehnisse werfen will, muß ihre geschlechtlichen Kräfte sparen. Das mögen wir Deutschen uns für den mühsamen Aufstieg, der die nächsten Jahrhunderte unserer Geschichte ausfüllen wird, und für unsere ganze Zukunft merken.

4.
Die Geschlechtsehre.